"Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!"

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"Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!" --Dieser ungemein wichtige Satz des Marquis Posa - vielleicht der wichtigste, den Schiller je geschrieben hat - klagt mit nur vier Worten die Unterdrückung des Denkens und damit des freien Handelns menschlicher Individualität an. Das "Landestheater Schwaben" aus Memmingen stellte am Freitag in der Stadthalle eine ungemein spannende Deutung des "Don Carlos" vor.

Das größte Lob gilt der Sprache der Schauspieler: Mit raumgreifender plastischer Artikulation und expressiver Silbengenauigkeit legen sie in modernem Sprachduktus alle Ehre ein. Diese großartige Sprechtechnik des Ensembles ermöglicht die totale Konzentration auf die Schiller'schen Texte, macht glaubwürdig, dass die Inszenierung (Regie Frank Behnke) auf klassische Kostümierung verzichtet - die Männer in einheitliche dunkle Anzüge kleidet, die Frauen dürfen auch mal zeitloses Weiß tragen.

Die Personenführung ist der präzisen unmanierierten Hochsprache adäquat, überhöht , ja überspitzt die Textinhalte, überzieht jedoch nie hin zur bloßen Effekterzeugung. André Stuchlik ist ein dominierender König, der die tiefe Zerrissenheit zwischen Machtanspruch und Erhaltung, Eifersucht und Vatergefühlen imponierend ausspielt --grandios in der Szene, als er seinen Sohn der Inquisition überantwortet. Dieser Don Carlos wird von Boris Popovic als der klassische, jugendlich aufbrausende Schillerheld verkörpert, der vergeblich gegen die Liebe zu seiner früheren Braut und jetzigen Stiefmutter ankämpft, in unüberwindlichen politischen Gegensatz zu seinem Vater gerät, daran schließlich zu grunde geht. Tobias Bode gibt einen anrührenden Freund Posa, der aufrüttelt, der erschüttert, als er vom König Gesinnungsfreiheit fordert. Renate Knollmann zeigt eindrucksvoll den nicht lösbaren Zwiespalt zwischen der liebenden Frau und der der Staatsräson unterworfenen Königin. Aber auch alle anderen Darsteller tragen bei zum ungewöhnlich hohen Niveau dieses Schillerabends.

Einige Überflüssigkeiten seien angemerkt: Don Carlos zu Beginn und am Ende splitterfasernackt auftreten zu lassen, ist ein abgeschmackter Rückfall in längst überholte, vordergründig regiemanieristische Stilübungen. Ebensowenig leuchten Kalaschnikow und Sonnenbrillen (Renaissance!) ein, und die Riesenblutfontäne aus Posas Rücken bei dessen Ermordung ist lächerlich. Diese kleinen Ungereimtheiten fallen aber desto mehr auf, weil die Inszenierung insgesamt ein künstlerisch ungemein gelungener großer Wurf ist.

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