Patrick Ghigani: Sein Albtraum heißt Werner Lorant

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SZ-Serie: Die Neuen beim SCP (Teil 3)

uFTorhüter und Linksaußen gelten ja im Fußball seit jeher als besondere Charaktere - aber auch die klassischen Spielmacher, die "Zehner", sind meist keine Typen von der Stange. Beim SC Pfullendorf trägt jetzt Patrick Ghigani das Trikot des Regisseurs - und ganz gewiss ist auch er weder Durchschnittstyp noch Durchschnittsfußballer: Die lange, zum Pferdeschwanz gebundene Mähne, die chinesischen Schriftzeichen-Tattoos am Unterarm, der dunkle Teint, den der in München geborene 29-Jährige seinen tunesischen Wurzeln väterlicherseits verdankt: Ghigani wirkt wie eine gelungene Mischung aus Antonio Banderas und Jacky Chan. Auch fußballerisch hebt sich der Deutsch-Tunesier von der Masse ab. Der Ball ist sein Freund, gehorcht ihm wie ein kleines Hundchen seinem Herrn. Ghigani, die sichere Anspielstation in der Mittelfeldschaltzentrale. Ghigani, der Mann mit dem Blick für den tödlichen Pass. Ghigani, der Spielmacher mit Torjäger-Qualitäten. Dafür haben sie ihn zum SCP geholt. Und wenn dann noch ein paar Ghigani-Trikots an die weiblichen SCP-Fans über den Ladentisch gehen, ist's Pfullendorfs Manager Hans-Hermann Krane auch recht.

u Ghigani fehlt vielleicht noch ein wenig die körperliche Fitness, trotz intensiver Vorbereitung. Schließlich war er nach dem Ende seines Engagements bei der Spvgg. Unterhaching im Sommer 2007 ohne Verein und damit ohne Spielpraxis - doch der Glaube an die eigenen Fähigkeiten ging deshalb nicht verloren. Auch wenn er weiß, dass die Fußstapfen seines im Januar zu Zweitligist Aue abgewanderten Vorgängers auf der Spielmacherposition, Leandro, verdammt groß sind. "Ja, Leandro hat hier gut gespielt. Er war wichtig für die Mannschaft. Doch das werde ich auch sein. Auf meine Art."

u Ghiganis Interpretation einer Spielmacherrolle ist mit der Leandros nicht wirklich vergleichbar. Trainer Feichtenbeiner hat deshalb das System umgestellt und auf Ghiganis Fähigkeiten zugeschnitten. Agierte der SCP mit dem auch in der Defensive starken Leandro im "4:4:2", wird mit dem von Haus aus wesentlich offensiver denkenden und lenkenden Ghigani künftig im "4:3:3" gespielt. Feichtenbeiner stellt dem neuen Offensivlenker somit zwei "Abfangjäger" in den Rücken - Kreativspieler wie Ghigani brauchen nunmal "Wasserträger". Wenn die Leistung stimmt, die erhofften Impulse von ihm ausgehen, werden sich Knackmuß, Konrad, Flum und Isailovic, die um die beiden Plätze auf der "Sechs" konkurrieren, gerne das Gesäß für den 50-fachen Zweitligaspieler aufreißen. Wenn nicht, könnte es Probleme geben. Doch Feichtenbeiner ist von der Qualität des Neuzugangs überzeugt: "Ghigani ist mehr als nur Ersatz für Leandro. Er kann für uns sogar zum Glücksfall werden."

u Das Glück fehlte Ghigani in seiner Karriere bislang allerdings häufig, manchmal vielleicht auch nur der richtige Berater. Trotz seiner großen technischen Fähigkeiten konnte er im deutschen Profifußball nämlich nur phasenweise Fuß fassen. Bei 1860 München ging er in die Profi-Lehre, als 19-Jähriger wechselte er aber schon nach Tunesien, spielte dort knapp zwei Jahre für Club Africa Tunis. Eine aufregende Zeit: "Wir spielten im Africa-Cup der Vereinsteams, kamen bis ins Finale."

60 000 Zuschauer in Tunis waren die Regel. Kamerun, Senegal, Südafrika - Ghigani kickte fast überall auf dem schwarzen Kontinent. Gerne erinnert er sich: "Die Stimmung in den Stadien dort war unglaublich. Allein beim Training hatten wir da manchmal um die 2000 Zuschauer."

u Zweitligist LR Ahlen wurde auf den Techniker aufmerksam. Ghigani unterschrieb bei den von Uwe Rapolder trainierten Westfalen, doch zwei Mittelfußbrüche und Rapolders Rauswurf in der Winterpause verhinderten, dass sein Vertrag nach Ablauf eines Jahres verlängert wurde. Rapolders Nachfolger Werner Lorant wollte mit dem damals 24-Jährigen dann nicht zusammenarbeiten, bot aber die Vermittlung zu den Amateuren von 1860 München an. Ghigani lehnte empört ab ("Ich wollte schließlich im Profifußball bleiben!"), wechselte lieber wieder nach Tunesien, diesmal zu Stade Tunisien. Dort weckte er mit guten Leistungen bald erneut deutsches Interesse - diesmal das von Zweitligist Unterhaching. Ghigani wollte diese zweite Chance auf ein Profi-Dasein in Deutschland unbedingt nutzen. Das gelang zunächst auch. Unter Coach Heribert "Harry" Deutinger spielte er eine starke Saison, hatte am 34. Spieltag die meisten Einsätze aller Hachinger Profis. In der Winterpause der nächsten Runde wurde jedoch Werner Lorant Trainer bei Haching - und endgültig zu Ghiganis Albtraum: "Er sagte mir sofort, dass er in seinem System keinen Platz für einen Spielmacher hätte". Im Sommer 2007 stieg Haching mit Lorant in die Regionalliga ab. Ghigani wollte unbedingt weg, doch ein Transfer kam nicht zustande. "Mein damaliger Berater Ludwig Kögl hat mich da hängen lassen. Plötzlich war die Transferfrist vorbei und ich stand ohne Club da."

u Ein neuer Berater stellte im Januar den Kontakt zum SC Pfullendorf her. Jetzt durfte es, jetzt musste es doch die Regionalliga sein. "Ich hatte ein gutes Gespräch mit Michael Feichtenbeiner und sehe das Engagement in Pfullendorf als Chance, dieser für mich bislang völlig verkorksten Saison noch eine positive Wende zu geben." Bis Juni hat Ghigani beim SCP unterschrieben. Verlängerung nicht ausgeschlossen. Die Dritte Liga hätte nämlich auch für den gläubigen Moslem ("Ich bete täglich mehrmals") seine Reize. Die Qualifikation hält er für möglich: "Ich kann die Leistungsstärke dieser Mannschaft mit meiner Erfahrung ganz gut beurteilen. Deshalb weiß ich, dass wir dieses Ziel erreichen können, wenn wir alle unser Potenzial abrufen."

u Ghigani hat in der Pfullendorfer Hauptstraße die Wohnung des im Winter nach Österreich zurückgekehrten Stürmers Ivica Lucic übernommen, wohnt dort mit Freundin Verena und Söhnchen Gino (4). Die Wohnzimmerwände sind noch kahl, ein riesiger TV-Bildschirm steht vor der Wand, ein Laptop auf dem Tisch: "Ich bin ein Film-Freak", gesteht er. "Und ein echter Zocker." Im Internet mischt Ghigani bei mancher "Poker-Party" mit. Ein Zocker am Spieltisch, ein Zocker auf der "Zehn". Pfullendorf ist gespannt, was es an seinem neuen Regisseur hat - am Sonntag im ersten Heimspiel gegen Elversberg muss Ghigani erstmals die Karten auf den Tisch legen.

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