Porträt: Arbeitertochter Ypsilanti

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Arbeiter-Tochter gegen Ministersohn, linke Frau gegen rechten Mann, Wohngemeinschaft gegen klassische Alleinverdiener-Familie, Patchwork-Biographie gegen zielstrebige Politiker-Laufbahn.

Hessens SPD-Chefin Andrea Ypsilanti ist in nahezu jeder Hinsicht die Gegenfigur zu Ministerpräsident Roland Koch (CDU), dem sie am Sonntag herbe Verluste zufügte. Dass die 50-Jährige ihre vor kurzem noch zerstrittene Partei wieder auf Augenhöhe mit der hessischen CDU brachte, hatten ihr anfangs die wenigsten zugetraut.

Den Kampf um die politische Macht inszenierte die studierte Soziologin als Duell „ehrliche Haut gegen klugen Kopf“. Wo der Jurist Koch rhetorisch brillierte, gestattete sich Ypsilanti schon mal verhaspelte Sätze, denen man ihre Herkunft aus dem südhessischen Rüsselsheim anhörte; wo der Regierungschef auf die kühle Präzision der Fakten setzte, argumentierte seine Herausforderin mit dem Schulstress ihres Sohnes und den Nöten der Bezieher von Minilöhnen. Das kam an: Am Ende des Wahlkampfes hatte sie ihren Rückstand gegen Koch im direkten Vergleich der Spitzenkandidaten wettgemacht. Mit ihren Sympathiewerten war sie ohnehin von Anfang an „Ministerpräsidentin der Herzen“.

Doch die Jubelstimmung über die sich am Sonntag zunächst abzeichnende rot-grüne Mehrheit verflog im Laufe des Abends. Am Schluss rutschte die SPD sogar knapp hinter die CDU und konnte auch den Einzug der Linken in den Wiesbadener Landtag nicht verhindern.

Die Frau, die ihrer Partei einen kurzen Siegesrausch bescherte, wohnt mit ihrem Lebensgefährten, ihrem zwölfjährigen Sohn und einem weiteren Paar mit zwei Kindern in Frankfurt. Ihren Nachnamen verdankt sie ihrem griechischen Ex-Mann. Geboren wurde sie als Andrea Dill, und der Weg an die Spitze war ihr nicht in die Wiege gelegt. Lehrer mussten den Vater überreden, die begabte Tochter aufs Gymnasium zu schicken. Ans Abitur schloss sie ein paar Jahre als Sekretärin und Stewardess an, studierte dann Spanisch in Madrid und später Soziologie in Frankfurt. Mit 29 trat sie der SPD bei. 1994 kam sie erstmals in die Wiesbadener Staatskanzlei - der damalige Ministerpräsident Hans Eichel (SPD) holte sie als Referatsleiterin in seine Regierungszentrale.

Als Ypsilanti 2003 Parteichefin wurde, hatte die hessische SPD gerade die schlimmste Niederlage der Nachkriegszeit kassiert und war bei der Landtagswahl auf 29,1 Prozent abgestürzt. Die neue Vorsitzende profilierte sich bald als Kritikerin der Sozial- und Arbeitsmarktreformen des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD). Lange Zeit konzentrierte sie sich auf das Innere der Partei, die Bühne im Landtag überließ sie dem als wirtschaftsnaher Pragmatiker geltenden Fraktionschef Jürgen Walter.

Doch als die Frage der Spitzenkandidatur zur Entscheidung drängte, griff Ypsilanti entschlossen zu. Ihren Konkurrenten Walter schlug sie in einer parteiinternen Abstimmung. Diesem ersten Überraschungserfolg ließ sie am Sonntag einen zweiten folgen - auch wenn er am Ende doch nicht ganz so groß war.

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