100 Jahre Eisenbahn Münsingen - Schelklingen: Mit Pickel und Schaufel durchs Schmiechtal

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HÜTTEN (hd) - Am Sonntag, 29. Juli, werden es auf den Tag genau hundert Jahre, dass erstmals ein Zug zur Probe über die neuen Glei-se von Schelklingen über Münsin-gen bis zur Station Lichtenstein fuhr. Das 100-jährige Bestehen der Bahnstrecke und des Hüttener Bahnhofes wird in Hütten gebührend gefeiert.

Mit einer Hockete vor dem Hüttener Bahnhof beginnt der Jubiläumssonntag.

Eine Draisine und eine alte Dampf-maschine werden vorgeführt

Für den Nachmittag ist eine Geschick-lichkeitsfahrt mit einer Original-Draisine, die Hartmut Keller organisierte, angekündigt; außerdem wird eine Dampfmaschine aus der Sammlung von Josef Frankenhauser vorgeführt. Frankenhauser unterhält in Bach bei Erbach ein privates Oldtimer-Museum; sein historischer Dampfkessel steht sonst in Kirnbach zur Besichtigung.

Pendelverkehr Münsingen - Schelklingen

Um 9.30 Uhr wird der erste Zug mit fünf Wagen bis Münsingen fahren. Ab dort fahren zwei Wagen im Zwei-Stunden-Takt die Strecke Münsingen – Schelklingen. Der offizielle Teil des Jubiläums mit Ansprachen findet in Münsingen statt. Um halb zwölf wird in Hütten BM Michael Knapp die Gäste begrüßen. Archivar Jörg Martin stellt die Geschichte der Bahnlinie vor und hat eine Ausstellung zum Thema "Bahnlinienbau" vorbereitet.

Ein Blick zurück

Die Strecke Münsingen – Schelklin-gen war die letzte Teilstrecke, die nach dem Gesetz vom 19. Mai 1896 als vollspurige Nebenbahn entstehen sollte. Im Frühjahr 1898 wurde mit dem Erstellen der Bauzeichnungen begonnen. Ein Jahr später konnten die Bauarbeiter anrücken und sich mit Pickel und Schaufel an die Gleisführung machen. Einziges Hilfsmittel war eine Feldbahn zum Transport der Erdmassen. Die Leitung hatte Ober-baurat Schmoller von der Bahnbau-Sektion Münsingen.

Bau der Schmiechtalbahn hatte auch Folgen für Bhf Schelklingen

Der Bahnbau zog weitere Baumaß-nahmen nach sich: Die Endstation Mün-singen als auch der Abzweigbahnhof Schelklingen mussten wesent-lich erweitert werden. In Schelklingen wurden die Bahnanlagen verbreitert und Richtung Ehingen verlängert. Eine komplette Stellwerksanlage, ein Lokomotivschuppen und eine Drehscheibe wurden erbaut. Außerdem erhielt das Zementwerk, erst zwei Jahre alt, einen Gleisanschluss.

Pro Tag 60 Aus- und Einstiege von Personen auf dem Bahnhof Hütten

In Hütten wurden am 21. Dezember 1899 die Hochbauarbeiten für den Bahnhof mit Schuppen für 20.202 Mark und 98 Pfennige ausgeschrieben. Viele Jahre lang war der Bahnhof eine wichtige Station entlang der Bahnlinie. 1904 zum Beispiel wurden 22.414 Personen gezählt, die von hier aus oder nach hier befördert wurden; 3.290 Tonnen Fracht gelangten über die Schiene nach Hütten.

Zurück zum Beginn: Der neue Ab-schnitt hatte eine Länge von 23,93 Kilometern, von denen 14,2 km auf gerade Gleise fielen. Der Höhenunter-schied zwischen Ausgangs- und End-punkt der Bahn betrug 170 Meter. Mit der Vollendung dieses letzten Teilab-schnittes hatte die Nebenbahn von Reutlingen nach Schelklingen eine Gesamtlänge von 58,25 Kilometern. Nach mehr als zweijähriger Bauzeit wurde nicht groß gefeiert, aber der Münsinger Gewerbeverein und der Albverein luden damals zu einer gemeinsamen Eisenbahnfahrt ein. Erster Betriebstag war der 1. August 1901. Haltestellen waren Mehrstetten, Sondernach, Hütten, Talsteußlingen. In den Folgejahren wurde die Bahn rege benutzt, im Sommer waren es die Ausflügler, im Winter die Skifahrer, die oft wegen Überfüllung auf den Trittbrettern mitfuhren.

Der Krieg beschädigte weniger die Bahnlinie als den Bahnhof in Reutlingen und die fahrenden Züge. Trotzdem muss wohl auch im Oberen Schmiechtal ein Schaden entstanden sein, denn ein Fahrplan von 1946 nennt zwar detailliert die Abfahrts- und Ankunftszeiten von Reutlingen bis Hütten, dann aber ist Schluss. Mussten die Fahrgäste, die nach Schelklingen wollten, zu Fuß weitergehen? (Wer dazu Näheres weiß, ist gebeten, es der Ehinger SZ-Redaktion oder Hans Dolde, Hütten, mitzuteilen)

Dass nicht jedermann von der Bahnstrecke begeistert war, erzählt eine Geschichte aus den 50er Jahren, als die neuen Triebwagen eingeführt wurden. Ein fortschrittlicher Reutlinger, der seine Garage mit einem durch Pfeifsignal gesteuerten Torantrieb ver-sah, hatte mit der Hupe des Triebwagens seine Probleme. Der Reutlinger wohnte nahe der Bahnlinie, die Triebwagen mussten dort dreimal vor den Bahnübergängen pfeifen. Ein Signal, das auch von dem Torantrieb bemerkt wurde. So öffnete sich die Garage beim ersten Pfeifton, schloss sich beim zweiten wieder, und öffnete sich schließlich beim dritten – und blieb offen. Bald öffnete der entnervte Autofahrer seine Garage wieder von Hand. Im Jahr 1969 verkehrten die vorerst letzten Personenzüge zwischen Honau und Schelklingen. Seitdem wird der Bahnhof als privates Wohnhaus genutzt.

Im Rahmen des Nostalgieprogramms wird seit 1998 der Münsinger Bahnhof wieder von Schelklingen her angefahren; seit 1999 vom Dampfzug namens "Ulmer Spatz" regelmäßig in den Sommermonaten. Außerdem stehen historische Dampfzugfahrten der Eisenbahnfreunde Zollernbahn auf dem Programm. Zwischendurch sieht man auch mal einen Militärtransport oder einen Holzgüterzug in Hütten vorbeifahren. Alle hupen dreimal – in Sondernach einmal und zweimal vor den unbeschrankten Bahnübergängen in Hütten.

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