Wenn Alte und Junge einander erzählen

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WANGEN - Junge und alte Menschen hat ein Projekt im Seniorenheim St. Vinzenz zusammengeführt. Die Alten erzählten den Jungen, was ihnen an ihrem Leben wichtig war, und die Jungen erzählten den Alten von sich. Eine Ausstellung zeigt ab Freitag, wie spannend das Aufeinandertreffen der Generationen sein kann.

19 Geschichten von Jungen und Alten stehen nebeneinander und in einer Beziehung zueinander. Denn was die Projektleiterinnen des "Erzählcafés", Doris Heldmaier und Ulrike Schneider-Membarth, zu Beginn nicht zu träumen gewagt hätten, ist: Es wurde nicht nur viel zwischen den Generationen erzählt, es haben sich auch viele Verbindungen ergeben, die jetzt in der Ausstellung dokumentiert werden.

Dargestellt sind die Geschichten, die sich aus Erzählungen und gezielten Interviews ergeben haben, auf großen Schautafeln, die von den jungen Leuten, allesamt Studenten der Kunstschule in Ravensburg, gestaltet wurden. Große farbige Tafeln bilden Hintergrund für Kernzitate oder ganze Geschichten. Illustriert sind die Tafeln mit Fotos, die einerseits von den alten und jungen Leuten aus den Fotoalben geholt wurden. Andererseits hat der Fotograf Andreas Bohnenstengel aus Ravensburg die Interviewten fotografisch ins rechte Licht gerückt. Diese Gesichter tauchen noch einmal auf im Wintergarten auf Stofffahnen.

Arbeitsplatz oder Freizeittreff

Da ist zum Beispiel jene alte Frau, die in der Erba gearbeitet hat und das Unternehmen als Arbeiterin gekannt hat. Und da ist eine junge Frau, für die Erba gleichbedeutend ist mit "Skate-Factory". So dokumentiert sich Wandel in einer Stadt. Oder es gibt das Zitat von Mathilde Lichtner, die 1924 geboren wurde: "Ich glaube an Gott. Und ich bin sehr traurig, dass meine Kinder und Enkel davon abgekommen sind." Und darunter gibt es das Zitat des 30-jährigen Marc Sieburg, der sagt: "Ich bin ein Kind der Konsumgesellschaft."

Es war ein langer, aufwendiger und für alle spannender Prozess, bis die Ausstellung, so wie sie sich jetzt zeigt, zu Stande kam. "Alle sind viel tiefer eingestiegen, als zunächst gedacht", sagen Schneider-Membarth und Heldmaier. Und bei den Berichten der Senioren, die aus dem Haus St. Vinzenz, aus den betreuten Wohnanlagen oder ganz von außen kamen, blieb es nicht. Die Studenten entwarfen Fragebögen, mit deren Hilfe Interviews entstanden. Gefragt wurde unter anderem: "Glauben Sie an wahre Liebe? - Vor was haben Sie Angst? - Wieviele Partner hatten Sie schon? - Welches war Ihre größte Reise? - Glauben Sie an Gott?" Viele weitere Fragen könnte man nennen. Sie wurden nicht nur von den Senioren beantwortet, sondern auch von den jungen Leuten. An vielen Punkten zeigte sich der Wandel der Zeit innerhalb eines Jahrhunderts, etwa bei der Frage nach der Zahl der Partner. Schmunzelnd erzählen die beiden Mitarbeiterinnen des Sozialen Dienstes in St. Vinzenz, wie die Generationen aufeinander prallten. "Bei den Senioren waren es in der Regel einer oder zwei, bei den 20-Jährigen waren es schon einige mehr."

Schicksale schultern

Die Teilnehmer an dem als Erzählcafé konzipierten Projekt haben sich alle gerne und offen geäußert. Nur in die Ausstellung fanden am Ende nicht alle Eingang. Denn auch das gab es: Dass jemand mit seiner Geschichte nicht an die Öffentlichkeit treten wollte. Was sich auch zeigt auf den ansprechend gestalteten Tafel ist, dass auch schon junge Leute ganz schwere Schicksale zu schultern haben. Da ist beispielsweise jener junge Mann, der auf die Frage nach seiner längsten Reise den Radurlaub in Irland nennt, bei dem er beide Eltern verlor. Zwei Monate lang kann in St. Vinzenz besichtigt und nachgelesen werden, was sich Alt und Jung im Projekt "Treffpunkt Leben" alles erzählt haben. Bei der Eröffnung am kommenden Freitag werden die Beteiligten über ihre Erfahrungen mit dem Projekt sprechen. Das werden einmal die Organisatorinnen in St. Vinzenz, aber auch die Schulleiterin der Ravensburger Kunstschule Michaela Gleinser und alle, die in der Ausstellung vertreten sind. Auch das verspricht sehr viel Spannung. Ob das "Erzählcafé" fortgesetzt wird, hängt von der Resonanz ab. Auf jeden Fall gibt es noch einmal eins im Februar während der Ausstellung. Eine Finissage ist geplant.

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