Am Ende siegt die Hoffnung

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MARKDORF - Die Musikfreunde Markdorf und die Stadtmusik Stockach haben am Samstagabend in der Sporthalle Werke des ungarischen Komponisten Frigyes Hidas aufgeführt. Dabei erlebten die Zuschauer die Uraufführung des "Pater Noster", das Hidas den Musikfreunden gewidmet hat. Ein einzigartiges Konzert.

Eigentlich hätte Frigyes Hidas dieses Konzert miterleben sollen. Der ungarische Komponist hatte den Musikfreunden Markdorf vergangenes Jahr zwei Stücke gewidmet, nachdem sie ihn um eine A-capella-Komposition gebeten hatten: das "Ave Maria" und das "Pater Noster". Eigentlich hätte Frigyes Hidas in der ersten Reihe sitzen sollen. "Aber der Tod hat einen Strich durch diese Rechnung gemacht", sagt Dirigent Uli Vollmer. Hidas starb nach schwerer Krankheit am 7. März dieses Jahres mit 78 Jahren. Vielleicht ist es diese ganz besondere Beziehung zwischen Komponist, Werk und Interpreten, die die Aufführung am Samstagabend so intensiv werden ließ.

Vom ersten Einsatz an beim "Ave Maria" ist der Chor präsent, konzentriert und überzeugend. Das "Ave Maria" hatte Hidas 2000 ursprünglich für eine Orchestermesse komponiert und für die Musikfreunde zum vierstimmigen Chorsatz umarrangiert. Der warme und volle Klang der rund 80 Chorsängerinnen und -sänger zieht sich auch durch das "Pater Noster", das an diesem Abend zum ersten Mal überhaupt erklingt. Nach dem einwandfrei gesungenen Stück herrscht Schweigen, kein Laut ist zu hören, bis die Zuschauer sich trauen, die Stille mit ihrem Applaus zu beenden.

Was die beiden Stücke schon angedeutet haben, findet dann im Requiem seine Fortsetzung. Hidas komponierte es 1995 in drei Monaten zur Erinnerung an den 40. Jahrestag der Ungarischen Revolution 1956 als Auftragswerk. 150 Musiker, die Musikfreunde Markdorf und die Stadtmusik Stockach (Leitung: Helmut Hubov) als begleitendes Blasorchester - ein eindrucksvolles Bild vor der spartanisch und unwirklich anmutenden Kulisse der Sporthalle. In Markdorf hat sich kein Ort finden lassen, der groß genug für das riesige Ensemble war. Überdimensionale Notenblätter hängen hinter Chor und Orchester, lenken den Blick der rund 250 Zuhörer weg von Basketballkörben und Abwurfkreisen.

Unheilschwangeres Grollen

Bläser und Pauken kündigen mit den ersten Tönen des Requiems das Ende an, unheilschwangeres Donnergrollen lässt die endende Ruhe vor dem Sturm greifbar werden. Tritonische Figuren beschwören eine gedrückte Stimmung, in die der Chor mit dem Einsatz "Requiem aeternam" einstimmt, leise zuerst, um immer voluminöser zu werden. Der Einsatz der Solisten ist dann die makellose Einführung der Stimmcharaktere, die das Drama in allen seinen Akten begleiten werden. Ina Gersaks glockenklarer Sopran, Ulrike Clausens beschwichtigender Alt, Ulrich Köberles runder Tenor und Holger Ohlmanns mahnender Bass verleihen dem Werk Schwere und Bedeutsamkeit. Auch hier getragenes Tempo.

Doch die anfängliche Ruhe wird jäh vertrieben: Das Aufgeschreckte, Wirbelnde des "Dies Irae" lässt Chaos vor dem geistigen Augen entstehen. 23 Minuten hat Hidas diesem Teil des Werks eingeräumt - fast die Hälfte des Requiems. Der Ungar ist unter anderem als Filmmusik-Komponist bekannt. Das blitzt auch hier durch. Musikschulleiter Uli Vollmer hält Chor, Blasorchester und Solisten mit seinem souveränen Dirigat zusammen.

Obwohl Frigyes Hidas zu den modernen Komponisten zählt, ist sein Stil angenehm melodisch. Die Spätromantik prägt das Klangbild. Weitere Facetten ergänzen das Werk, etwa, wenn die Passage "Lacrimosa" im Walzertakt swingt. Das "Sanctus" beginnt strahlend und endet im furiosen Finalakkord mit einem jubilierenden "Hosanna". Überhaupt: Immer wieder wechselt die Tonart von Moll nach Dur, wie Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch eine graue Wolkendecke bahnen. Genau das macht ein Requiem aus: Am Ende siegt die Hoffnung. Ewige Ruhe. Aber davor gibt es langen Applaus für dieses einzigartige Konzert. Frigyes Hidas hätte seine Freude daran gehabt.

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