Als das "Bähnle" aufs Abstellgleis kam

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WEINGARTEN - Die Stilllegung der Straßenbahn Ravensburg - Weingarten - Baienfurt im Jahre 1959 betraf nicht nur viele Schüler und Berufspendler im Schussental, sie besiegelte auch die Niederlage Weingartens im politischen Kampf seit 1953 gegen Ravensburg um den Erhalt des "Bähnles". Seitdem fahren nur die Linienbusse auf der Strecke.

Am 22. Februar 1959 war es so weit: Mit dem letzten Abendkurs, dem so genannten "Lumpensammler", fuhr zum letzten Mal eine Straßenbahn von Ravensburg nach Weingarten. Dem vorausgegangen war ein jahrelanger Streit zwischen beiden Städten um Erhalt oder Abschaffung des "Bähnles".

An den Fahrgastzahlen hatte es nicht gelegen: diese kletterten seit Beginn der 1950er-Jahre nach oben - zuletzt auf 5,035 Millionen im Jahre 1955. Doch in Ravensburg war spätestens 1953 der Gedanke geboren, das "Bähnle" abzuschaffen und durch Omnibusse zu ersetzen. Ohne Beteiligung Weingartens und Baienfurts fand am 12. Juni 1953 eine erste Besprechung zwischen Ravensburg und der Bundesbahn statt; bedingt durch den vielen Autoverkehr wollte man die Gartenstraße (alte B 30) ausbauen, dazu hätte das "Bähnle" weichen müssen. Alsbald traten die wahren Motive Ravensburgs zutage: Der bisherige Stadtbusbetrieb war wegen zu kurzer Strecken defizitär; man wollte sich auf Kosten des "Bähnle" gesund sanieren. Die Bundesbahn forderte nun auch den Dieselbusverkehr - aus Kostengründen. Weingarten (in Allianz mit Baienfurt) sah sich gezwungen, das "Bähnle" gegen alle Anfeindungen zu verteidigen. Es folgte Gegengutachten auf Gutachten, Ravensburg stellte die Busvariante als die kostengünstigere dar, Weingarten behauptete, der Erhalt des "Bähnles" sei kostengünstiger - trotz der zum 1. Oktober 1955 erfolgten Tariferhöhung um 40 Prozent.

Die Stadt Ravensburg feilte hinter den Kulissen an einer Vereinbarung mit den Regierungsverantwortlichen in Stuttgart und Tübingen bezüglich des vierspurigen Ausbaus der B 30 zwischen Ravensburg und Weingarten. In Weingarten war man sich derweil noch gar nicht klar darüber, ob man den vierspurigen Ausbau überhaupt will. Man befürchtete, dass die Stadt in zwei Hälften geteilt werden könnte. Weingarten versuchte, mit Argumenten Stuttgart und Tübingen vom Erhalt des "Bähnles" zu überzeugen. Bei einer Bürgerversammlung in der Weingartener Stadthalle am 7. Februar 1957 gab es ein eindeutiges Votum pro "Bähnle". Die Weingartener Schriftstellerin Dr. Maria Müller-Gögler sagte: "Es geht um ein Stück Tradition, ja vielleicht sogar um eine Herzensangelegenheit vieler Menschen."

Dann kam der Unfall

Doch dann kam der 3. Juli 1957: Ein Langholzlastwagen war auf der Fahrt nach Weingarten bei der Station "Kraftwerk" mit dem "Bähnle" zusammengestoßen. Drei Fahrgäste wurden verletzt, eine 58-jährige Frau starb. Das Jugendschöffengericht Ravensburg sprach am 11. Juni 1958 den minderjährigen Lastwagenfahrer frei, am 24. September 1958 hob die Jugendkammer des Landgerichts Ravensburg dieses Urteil auf und verurteilte den Mann. Doch am "Bähnle" blieb der Ruf haften, ein lebensgefährliches Fahrzeug zu sein. Weil sich die Bahn dem Vorwurf ausgesetzt sah, an dem Unfall (und an einem weiteren, weniger dramatischen) eine Mitschuld zu haben, verfügte sie am 9. Oktober 1958: Die Geschwindigkeit des "Bähnles" sei auf zehn Stundenkilometer herunterzusetzen, was die Fahrzeit verlängerte, der Zehn-Minuten-Verkehr war nicht mehr möglich. Der Mehrbedarf wurde durch einen Bus-Pendelverkehr zwischen Ravensburg und Weingarten in den Stoßzeiten abgedeckt. Es folgten emotional aufgeladene Protestbriefe, Unterschriftensammlungen, Resolutionen großer Firmen aus Ravensburg und Weingarten wurden verfasst, die Industrie- und Handelskammer erwägte einen Streik. Denn durch den ausgedünnten Takt konnten Schüler und Arbeiter während der Mittagspause nicht mehr nach Hause fahren.

Die Bahndirektion Stuttgart verfügte am 27. Oktober 1958: "Großräumige Omnibusse werden bis auf weiteres den Verkehr zwischen Ravensburg und Weingarten übernehmen. Auf der Strecke Weingarten - Baienfurt wird die frühere 20-minütige Verkehrsbedienung wieder aufgenommen." Jeglicher Protest aus Weingarten und Baienfurt verhallte wirkungslos. Das Regierungspräsidium Tübingen teilte am 12. Februar 1959 mit, dass ab dem 23. Februar 1959 der Busbetrieb beginne. Festgeklopft hatte Ravensburg derweil mit Tübingen auch die Kostenaufteilung für den Ausbau der heutigen B 30 alt: Ravensburg bezahlte eine halbe Million Mark, Weingarten 800 000 Mark.

Am 21. Februar 1959 erschien der neue Fahrplan: Zwischen Ravensburg und Weingarten verkehrten ab sofort nur noch Busse, das "Bähnle" verkehrte im Zehn-Minuten-Takt zwischen Weingarten und Baienfurt. Ab Ende Mai 1959 wurde auch auf dieser Strecke auf Busverkehr umgestellt. Am 30. Juni 1959 verkehrte das "Bähnle" zum letzten Mal im Schussental.

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