US-Girls haben Respekt vor Brasilianerin Marta

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Ballzauber gegen Power-Fußball, Marta und Cristiane gegen Wambach und Lilly - im zweiten Halbfinale der Frauen- Weltmeisterschaft zwischen den USA und Brasilien treffen in Hangzhou zwei Gegner mit völlig unterschiedlichen Fußball-Philosophien aufeinander.

Hier die schnellen und zielstrebigen Kraft-Fußballerinnen aus Amerika, dort die technisch perfekten Ballzauberinnen vom Zuckerhut. Als leichter Favorit gilt der zweimalige Weltmeister aus den USA (1991 und 1999), der bei dieser WM allerdings nicht immer überzeugte.

Beide Teams sind gespickt mit Stars. Marta, die Stürmerin vom schwedischen Spitzenclub Umea IK, führt gemeinsam mit der Norwegerin Ragnhild Gulbrandsen (beide 5 Treffer in 4 Spielen) die WM-Torschützenliste an. Neben der aktuellen Weltfußballerin aus Brasilien kämpfen auch ihre Teamkollegin Cristiane (4), die zuletzt in Wolfsburg und Potsdam spielte, die US-Amerikanerin Abby Wambach (4) sowie die beiden Deutschen Birgit Prinz (4) und Renate Lingor (4) um den „Goldenen Schuh“ als beste WM-Torjägerin.

Marta Vieira da Silva, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt, ist zurzeit wohl die beste Fußballerin der Welt. Viele sagen, die erst 21-Jährige spiele so gut wie ihre Vorbilder Ronaldo, Rivaldo oder Ronaldinho, obwohl der Vergleich mit männlichen Profis sicher unfair ist. „Marta spielt wie ein Mann, das macht ihre besondere Klasse und den Unterschied aus“, urteilt Teamkollegin Simone dennoch.

Am Ball kann Marta alles. Sie ist dribbelstark, torgefährlich und spielt mannschaftsdienlich zugleich. „Ich bin geboren, um Fußball zu spielen“, sagt die in Portugal zur Welt gekommene Marta über sich. Dabei weiß sie nicht einmal, wo genau sie alles gelernt hat. Fest steht nur, dass sie mit sieben Jahren begann, hinter dem Ball herzujagen. „Ich spiele für meine Familie“, meint sie, „für alles, was sie für mich getan haben.“

Die mittlerweile in 51 Partien hintereinander in der regulären Spielzeit unbesiegten US-Girls haben großen Respekt vor dem zierlichen, nur 1,62 Meter großen Brasilien-Star. „Marta hat so viel Selbstvertrauen. Zwar sind alle Brasilianerinnen gut, aber Marta darf man auf keinen Fall aus den Augen lassen“, sagt Mittelfeldspielerin Shannon Boxx, die beim 2:1 nach Verlängerung im Olympia-Finale von Athen 2004 gegen sie spielte. „Manchmal taucht sie auch völlig ab, um im richtigen Moment plötzlich zuzuschlagen.“ Doch das Problem der Südamerikanerinnen ist oft ihr Leichtsinn. Gegen Australien im Viertelfinale schalteten sie nach ihrer 2:0-Führung ab. Prompt kassierten sie den Ausgleich, ehe Cristiane doch noch den Siegtreffer markierte.

Vermutlich muss Leslie Osborne, die im Viertelfinale Englands Stürmerin Kelly Smith ausschaltete, gegen Marta spielen. Keine angenehme Aufgabe. „Man muss sich 90 Minuten an ihre Fersen heften. Denn immer wenn sie den Ball hat, macht sie etwas damit“, sagte Osborne. Die Bilanz jedoch spricht klar für die USA. In 22 Duellen gelang Brasilien nur ein Sieg und zwei Unentschieden. Bei einer WM standen sich die Teams zwei Mal gegenüber. Im Halbfinale 1999 siegten die späteren Weltmeisterinnen aus den USA 2:0, 1991 in China gewannen sie im Gruppenspiel gar 5:0. Doch das ist lange her, zuletzt war es oft knapp. So ist der Ausgang diesmal selbst für den selbstbewussten US-Coach Greg Ryan offen: „Sie sind zwar nicht so gut organisiert, aber ihre individuelle Klasse macht sie sehr gefährlich.“

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