Am Anfang war das Outfit - Die Teenierocker Cinema Bizarre

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Cinema Bizarre ist eine junge, hoffnungsvolle Band aus Berlin, aber ganz anders als die derzeit erfolgreichen deutschen Gruppen - die gerade auch auf der Popkomm gefeiert werden. Die fünf Musiker sind nicht jahrelang durch kleine Clubs getingelt, um irgendwann einmal entdeckt zu werden.

Das hätte den Managern der Jungs deutlich zu lang gedauert. „Als junge Band kann man es sich im Jahr 2007 einfach nicht mehr leisten, erst jahrelang im Proberaum zu stehen, dann vielleicht ein oder zwei schlechte Platten aufzunehmen und nach der dritten von der Industrie entdeckt zu werden“, sagen Eric Burton und Tilo Wolff.

Beide kommen aus der Independentszene, beide haben eigene Bands. Ihnen war klar, dass eine Gruppe wie Cinema Bizarre auf die große Industrie angewiesen ist, und so nahmen sie Kontakt zum Medienriesen Universal auf. Dessen Talentscout Andy Kappel wurde vor einigen Monaten ein Foto vorgelegt, das fünf junge Männer im Alter von 17 bis 22 Jahren zeigte: Kiro, Yu, Strify, Luminor und Shin, allesamt mit futuristischen Frisuren und Outfits, die man sonst nur aus japanischen Trickfilmen und Computerspielen kennt. „Ich habe nur die Bilder gesehen und war sofort Feuer und Flamme“, sagt Kappel.

Cinema Bizarre fühlen sich der japanischen Visual-Kei-Szene nahe, einer recht jungen Subkultur, deren Name sich aus dem englischen „visual“ (visuell) und dem Kanji-Zeichen „kei“ zusammensetzt, das grob übersetzt für „Herkunft“ steht. Die Fünf wussten zunächst nur, dass sie Musik machen wollten, aber nicht genau, welcher Art. In Deutschland habe es immer noch „so ein Gschmäckle“, wenn sich Bands ihr Repertoire von Fremdautoren liefern lassen, meint Kappel, „dabei ist das doch zum Beispiel in den USA mittlerweile völlig normal“. Für die gerade erschienene erste Single von Cinema Bizarre beauftragte er ein hauseigenes Komponistenteam.

„Natürlich haben wir die Kontakte zu VIVA und MTV“, sagt Talentsucher Kappel, „aber auch die sagen nein, wenn es ihnen nicht gefällt“. Damit es das tut, braucht es nach Outfit und Komposition eine fachgerechte Produktion. Der Debütsong „Lovesongs (They Kill Me)“ entstand in den Berliner Valicon-Studios, ein paar tausend Euro hat Universal dafür auf den Tisch gelegt. Kiro, Yu, Strify, Luminor und Shin hätten aber natürlich nicht alles selbst spielen können: „Das ist eine Mischung aus der Band und Studiomusikern“, sagt Brix, der Mann hinter dem Mischpult bei Valicon.

Der Erfolgsdruck ist bei so viel Vorarbeit groß, das weiß auch die Band. „Vor ein paar Monaten war das nur eine Idee, und jetzt sitzen wir hier und sehen unser Video im Fernsehen - das ist schon krass“, sagt Bassist Kiro. Für Sänger Strify ist die Musik inzwischen ebenso wichtig wie das Erscheinungsbild. „Klar, die Leute nehmen zuerst unser Äußeres wahr, aber dann hören sie die Musik - und wenn ihnen die nicht gefällt, ist das Outfit auch egal.“

Mit Cinema Bizarre könnte es durchaus gelingen, neue Türen für die Musikindustrie aufzustoßen. Mit der Anlehnung an Visual Kei wird dem deutschen Publikum eine Szene näher gebracht, die außerhalb Japans nur einem kleinen Fankreis durch Bands wie Moi dix Mois, The Gazette oder Wizard Japan zugänglich war. Musikalisch bieten Cinema Bizarre eine Mischung aus Rock, Gitarrenpop, Gothic und ein wenig 80er- Elektronik - für eine Zielgruppenband ein ungewohnt rauer Sound, der auch auf dem kommenden Album „Final Attraction“ nicht nachlässt.

Und für so etwas waren in Deutschland bisher Independentbands zuständig - wie etwa Scream Silence aus Berlin. Deren Single „Creed“ vom 2006er Album „Saviourine“ steht dem Song der Cinemas nicht nur musikalisch verblüffend nahe, auch die Videos ähneln sich: In beiden erwachen Schaufensterpuppen zum Leben. Das Video zu „Creed“ wurde seinerzeit allerdings von VIVA und MTV abgelehnt: Zu hart, hieß es damals.

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