Eitel ist Stadtarchivar im Unruhestand

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RAVENSBURG - Ein umfassendes Buch zur Geschichte Oberschwabens im 19. und 20. Jahrhundert gibt es noch nicht. Das soll sich ändern. Dr. Peter Eitel, Ravensburger Stadtarchivar von 1973 bis 1998, arbeitet seit drei Jahren daran. Für den rührigen Ruheständler gibt es nichts Schöneres, als mit dieser Arbeit seine Lebensernte einzufahren.

Fast täglich ist Eitel im "Affenkasten" - wie der Volksmund das einstige Mädchenschul-Gebäude in der Kuppelnaustraße tituliert - anzutreffen. Das Dachzimmer im Stadtarchiv dient ihm als Klause für wissenschaftliche Arbeit. Dort hat er Zugang zur Handbibliothek. Dort kann er die eigens für ihn mikroverfilmten Beschreibungen der Oberamts-Visitationen durchforsten. Acht Oberämter, heute zu größeren Landkreisen zusammengelegt, gab es in Oberschwaben nach der napoleonischen Eroberung. Und als Anfang des 19. Jahrhunderts Oberschwaben württembergisch wurde, da hatte der alte Schlendrian ein Ende.

Streng absolutistisch wurde das katholische-barocke Oberland dem Stuttgarter Regiment unterworfen. Und dazu dienten auch die Visitationen, der sich so alle 20 Jahre die Oberämter zu unterziehen hatten. Was damals fein säuberlich in Sütterlinschrift vom Visitator vermerkt wurde - Alltäglichkeiten, Absonderlichkeiten und bisweilen köstliche Einschätzungen oberschwäbischer Lebensart aus Stuttgarter Sicht - das findet sich in den Visitationsberichten. Für Eitel ist dies ein gefundenes Fressen. Außerdem hat er in zahlreichen Archiven Material zusammengetragen und zwei württembergische Zeitungen, eine monarchistisch, eine demokratisch, ausgewertet. Die Fakten sammelt er nicht mehr im Zettelkasten, sondern - da geht der 68-Jährige ganz mit der Zeit - in zahlreichen Ordnern im Computer. Die Stoffsammlung für den ersten Band, der die Zeitspanne von 1802 bis zur Reichsgründung 1871 umfassen wird, ist nahezu abgeschlossen. Zahlreiche Abbildungen und Diagramme - so wie schon in seiner 2004 her-ausgegebenen Ravensburger Stadtgeschichte - sind wieder vorgesehen.

Schreibphase beginnt bald

Demnächst geht es also in die Schreibphase über. "Das strengt schon ganz schön an", weiß der Alt-Stadtarchivar. Prägnant und schnörkellos, die große Linie aufzeigend und ohne sich in Details zu verzetteln: Das ist Eitels Stil, wie ihn der historisch interessierte Leser schon aus seinen zahlreichen Publikationen kennt. Um sich selbst nicht allzu sehr unter Druck zu setzen, nennt er als Publikationstermin für den ersten Band das Jahr 2009. Dann hat er bereits die Fortsetzung im Visier. Ob die Zeit bis 1952, bis zur Entstehung des Südweststaates, nur einen zweiten oder gar noch einen dritten Band erforderlich macht, das weiß der Historiker bis jetzt noch nicht.

Geht es nach seinem Vorbild, seinem Großvater, dann hat er noch 20 Jahre Zeit. Dieser, ein Romanist, war bis zu seinem 88. Lebensjahr täglich am Schreibtisch anzutreffen. Peter Eitel hat sein Ruhestands-Arbeitspensum genau definiert. Es sind 1250 Stunden im Jahr, durchschnittlich 30 Stunden in der Woche. Wenn er mal mehr arbeitet, dann kann er dafür Urlaub machen. "Ich wüsste gar nicht, was ich sonst den ganzen Tag tun soll", sagt der Alt-Stadtarchivar. Dabei ist er als Ausdauersportler auch sonst ein aktiver Mensch. Und was sagt Ehefrau Ute Eitel-Modersohn, pensionierte Lehrerin, zu diesem Unruhestand? Die finde das ganz gut, sei auch seine wichtigste Gesprächspartnerin, schließlich sei das 19. Jahrhundert ihre Spezialität. Nur gelegentlich, wenn er in Gedanken ganz in Oberschwabens Geschichte versunken sei, dann gebe es auch mal einen Rüffel. Dann bekommt Peter Eitel von seiner Historikergattin bescheinigt: Er sei ein "Trüffelschwein mit Tunnelblick".

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