30. Dresdner Musikfestspiele eröffnet

Lesedauer: 5 Min

Der Jubilar wirkt trotz der Feststimmung angespannt. Denn schon vor Eröffnung der 30. Dresdner Musikfestspiele am Donnerstagabend mischten sich in den Jubel ein paar dunkle Töne.

Drei Jahrzehnte nach seiner Gründung befindet sich das Musenfest weiter auf Sparkurs. Intendant Hartmut Haenchen hat umplanen müssen. „Das besucherstärkste Klassikfestival in Deutschland steigt in die Mittelklasse ab“, orakelt der Dirigent und sorgt damit für Misstöne.

2008 gibt er den Taktstock beim Festival aus der Hand. Mit seinen Äußerungen vom drohenden Mittelmaß lastet der 64-Jährige seinem designierten Nachfolger Jan Vogler eine Bürde auf. Dabei hat der international bekannte Cellist Vogler bewiesen, dass sich auch mit geringem Etat Großes bewirken lässt. Dass von ihm mitbegründete Moritzburg Festival ist nach dem Motto „Klein, aber fein“ binnen weniger Jahre zur begehrten Adresse in der Musikwelt geworden.

Als Mann der Zahlen hat der alte Intendant freilich Recht. Während sein Vorgänger Michael Hampe Mitte der 90er Jahre noch mit umgerechnet 3,5 Millionen Euro jonglieren konnte, muss Haenchen bei einem Etat von 1,9 Millionen Euro kleinere Brötchen backen. 2009 gibt es noch knapp 1,5 Millionen Euro. Dann zieht sich auch der Bund als Geldgeber zurück. Was Vogler plant, steht bisher nicht fest. Er hatte erst kürzlich einen Vorvertrag für das neue Amt erhalten.

Als die Dresdner Musikfestspiele 1978 entstanden, horchte auch die Kritik im Westen auf. Dirigent Herbert von Karajan und die Berliner Philharmoniker adelten die Festspiele schon zur Premiere. Auch später setzten Ensembles aus dem Westen Glanzpunkte und machten Dresden zur Pilgerstätte ostdeutscher Klassikfans. Claudio Abbado reiste mit den Künstlern der Mailänder Scala an, die New Yorker Philharmoniker mit Zubin Mehta, Sergiu Celibidache mit den Philharmonikern aus München.

Nach der Wende kamen neue Geldgeber. Das Land Sachsen und der Bund unterstützten Dresdens musikalische Sonderstellung. „Es ging damals um eine mittelfristige Übergangsleistung der Bundes“, sagt Festival- Verwaltungschef Kim Ry Andersen. Deshalb sind die Dresdner dankbar, dass Berlin so lange half. In den späten 90er Jahren öffneten sich die Festspiele anderen Sparten wie dem Jazz und der Weltmusik. Mit Haenchens Amtsantritt gab es 2003 eine eher klassische Rückbesinnung.

Ein Jahr später stand das Festival auf der Kippe. „Was der Sozialismus nicht geschafft hat, bewerkstelligen heute Chaos- Demokraten in Dresden“, schimpfte der Sänger Theo Adam. Grund für seinen Zorn waren Planungen, das Fest mangels Geld ganz abzuwickeln. Tausende gingen auf die Straße, aus dem In- und Ausland traf Zuspruch ein. Noch heute ist Haenchen von der Entschlossenheit der Dresdner beeindruckt: „Das gibt es sonst wohl nirgendwo auf der Welt.“

Zum Jubiläum präsentiert sich das Festival nun in geschrumpfter Form. Von vormals 180 Veranstaltungen blieb ein Drittel übrig. Die Zuschauerzahl von einst 150 000 dürfte diesmal auf die Hälfte sinken. Damit verliert Dresden den selbst formulierten Superlativ vom besucherstärksten Klassikfest Deutschlands. Manche Musikfreude sehen in der erzwungenen Bescheidenheit auch Positives. Bei der früheren Masse ging vieles im Programm einfach unter.

Mit dem diesjährigen Motto „Landschaften“ hat Haenchen ungewollt Aktualität erlangt. Denn das Festival bietet auch per Bus oder Dampfer eine musikalische Reise ins UNESCO-Welterbe Dresdner Elbtal. Der Status ist akut bedroht, da in der Flusslandschaft eine Brücke entstehen soll. Bis zum 3. Juni wollen die Musikfestspiele an der Elbe ganz nebenbei auch auf diesen Missklang aufmerksam machen.

www.musikfestspiele.com

Kommentare werden geladen