Sein Weltrekord hielt 20 Jahre: Lee Evans wird 60

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Estadio Olimpico, Mexiko-City, 18. Oktober 1968: Als Lee Edward Evans nach 400 Metern ins Ziel stürmt, hat sich sein größter Traum schon mit 21 Jahren erfüllt. Der farbige US-Amerikaner ist Olympiasieger - und in was für einer Zeit: 43,8 Sekunden. Weltrekord!

Evans hat im Finale als erster Viertelmeiler der Welt die Schallmauer von 44 Sekunden durchbrochen, vollautomatisch gestoppte 43,86 gehen später in die Statistik ein. Zwei Tage später holt er sich auch mit der US-Staffel in Weltrekordzeit Gold. Am Sonntag (25. Februar) feiert Lee Evans, der seit Dezember 2001 als Chef-Lauftrainer an der Universität South Alabama arbeitet, seinen 60. Geburtstag.

„Es war mein bestes Rennen überhaupt. Und immer, wenn es heute mal nicht so gut läuft oder ich schlecht drauf bin, dann denke ich an diesen Tag. Das baut mich wieder auf“, sagt der Kalifornier in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Sein Jubiläum will er eigentlich überhaupt nicht feiern, denn der Job geht vor: Evans ist als Coach am Wochenende in Jonesboro/Arkansas bei den Conference Championships von zehn Uni-Teams. „Wir rechnen uns Siegchancen aus“, sagt er, „und wenn wir gewinnen, geht die Party so richtig ab: Dann habe ich 5000 oder 6000 Geburtstagsgäste.“

Weltbekannt wurde Evans schon fünf Wochen vor seinem olympischen Coup: Am 14. September 1968 absolviert er die Stadionrunde bei den US-Trials im 2248 Meter hoch gelegenen South Lake Tahoe in 44,0 Sekunden. Weltrekord? Die Zeit sagt ja, der Leichtathletik-Weltverband IAAF nein. Der US-Boy hat den neuen „Bürstenschuh“ mit 68 jeweils vier Millimeter langen Spikes getragen. Verboten. Doch 34 Tage später hat er „seinen“ Weltrekord, und erst knapp 20 Jahre später, am 17. August 1988, ist er ihn wieder los: Harry „Butch“ Reynolds (USA) rennt in Zürich unglaubliche 43,29 Sekunden.

Der am 25. Februar 1947 im kalifornischen Madera geborene und in Fresno aufgewachsene Evans entpuppt sich sehr schnell als Jahrhundert-Talent: Während seiner High-School-Zeit schlägt ihn keiner; in 46,6 Sekunden läuft er die 400 Meter so schnell wie kein anderer Oberschüler in den Staaten, als 19-Jähriger bereits 45,2 Sekunden. Neben Bestzeiten in Serie liefert der Afroamerikaner später (s)eine Erklärung dafür: „Mein Bruder und ich waren hungrig und stahlen deshalb Früchte. Wenn die Farmer mit ihren Gewehren kamen, mussten wir so schnell wie möglich davonlaufen.“

Ein Antrieb ist auch das Geld, mit dem sich der in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene Evans weit blickend eine Zukunft nach dem Sport sichern will. „Ich habe Sport getrieben, weil das für mich der einzige Weg war, um ein Stipendium an der Universität zu bekommen und somit studieren zu können“, sagt er. „Ich hatte nicht viel Geld.“

Was Evans auszeichnet, sind Kraft und Willensstärke. Und er kann kämpfen, wie sich im Olympia-Finale zeigt: Nur eine Zehntelsekunde hinter ihm sprintet Landsmann Larry James ins Ziel und holt Silber. „Larry ist 395 Meter perfekt gelaufen“, kommentiert der Olympiasieger später schlagfertig, „ich 401 Meter weit. Das war der Unterschied.“ Der Abstand zu Martin Jellinghaus ist deutlich größer: 1,5 Sekunden. Der einzige deutsche Finalist wird immerhin Fünfter und rettet als Schlussläufer der Staffel sogar Bronze.

1972 steht Evans in München zwar noch ein letztes Mal im Olympia-Team, die US-Staffel über 4 x 400 Meter kommt aber gar nicht zum Einsatz. Er beendet seine Karriere, nimmt 1973 den Profi-Status an und macht seinen Uni-Abschluss. Seit Mitte der 70er Jahre wirkt Evans als Coach in den USA und gibt seine Erfahrungen in rund 20 weiteren Ländern weiter: In Nigeria, wo er 1979 sogar „Trainer des Jahres“ wird, Katar, Saudi-Arabien, Kamerun und Madagaskar.

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