Graue Todesbusse erinnern an Opfer der Nazis

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RAVENSBURG - Psychisch Kranke und Behinderte waren die ersten Opfer des systematischen Ausrottungsplans "unwerten Lebens" der Nazis. 70 000 Männer und Frauen, die in Heilanstalten lebten, wurden 1940 und 1941 vergast. In Ravensburg-Weißenau erinnert jetzt ein außergewöhnliches Denkmal an die Opfer: ein grauer Beton-Bus.

Gedenktafeln für die Opfer der Nazis gibt es viele. Auch in Ravensburg-Weißenau, wo 691 Patienten der damaligen Heilanstalt im Zuge der Euthanasie-Aktion in grauen Bussen abgeholt, nach Grafeneck gebracht und dort vergast wurden. Allerdings handelte es sich bei der Gedenktafel nur um eine Inschrift, auf der 1982 neben den gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege auch mit einem Satz die Euthanasie-Opfer erwähnt wurden. Eine "unsägliche Entscheidung", wie Professor Dr. Paul-Otto Schmidt-Michel, der Ärztliche Direktor des Zentrums für Psychiatrie "Die Weißenau", rückblickend findet. Denn letztlich seien es auch einfache Wehrmachtsoldaten gewesen, die furchtbare Verbrechen an psychisch Kranken verübt hätten. Etwa in einer Nervenheilanstalt in Krakau, wo alle Patienten zusammengepfercht und dann erschossen wurden. Opfer und potenzielle Täter nebeneinander auf einer Gedenktafel - nahezu unerträglich für Schmidt-Michel. Gemeinsam mit der Stadt Ravensburg hat er einen Künstlerwettbewerb ins Leben gerufen, der ein würdiges Mahnmal hervorbringen sollte.

Denkmal ist "wohltuend anders"

Gewonnen haben die beiden Bildhauer Horst Hoheisel und Andreas Knitz. Ihr "Denkmal der grauen Busse" ist wohltuend anders als die obligatorischen Gedenktafeln, die abstrahierenden Stelen, Granitblöcke, Pyramiden, Findlinge und sonstigen Denkmäler der 80er und 90er Jahre, die andernorts an Opfer der Nazis erinnern würden, meint der Ravensburger Kulturamtschef Dr. Franz Schwarzbauer, der gemeinsam mit Schmidt-Michel und dem Ravensburger Stadtarchivar Dr. Andreas Schmauder rechtzeitig zur Gedenkfeier und Einweihung des Denkmals am Wochenende ein Buch herausgegeben hat.

Die beiden 70 Tonnen schweren grauen Beton-Busse erinnerten sehr realistisch an den letzten Weg der 691 Männer und Frauen, die von Weißenau in die Gaskammer nach Grafeneck gebracht wurden. Einer davon wurde an der ehemaligen Pförtnerloge der früheren Heilanstalt aufgestellt, der andere an versetzten Standorten auf dem Weg nach Grafeneck, aber auch an weiteren Orten in Baden-Württemberg, wo die Opfer herkamen: Allein 110 Patienten kamen zum Beispiel aus dem Raum Stuttgart. "Als realistisches Abbild des Todes-Fahrzeugs" könnte das Mahnmal laut der Berliner Kunstprofessorin Stefanie Endlich zum "unverwechselbaren Erinnerungszeichen für alle Opfer der Euthanasie-Morde werden".

Das Unfassbare soll durch das Mahnmal in Erinnerung gebracht werden: Bei den Nazis galten psychisch kranke und behinderte Menschen als "lebensunwert", als arbeitsunfähige "Schmarotzer". Ihre Zwangssterilisation reichte Adolf Hitler nicht, 1939 erließ er den Befehl zur "Euthanasie". Das Volk sollte "von der Last der Geisteskranken" befreit werden, durch Ermordung. Zwischen Januar 1940 und August 1941 wurden 70 000 behinderte und psychisch kranke Menschen vergast. Experten schätzen, dass übereifrige, der Nazi-Ideologie verhaftete Ärzte und Pfleger ebenso viele Patienten bis 1945 totgespritzt haben oder durch eine radikale Diät verhungern ließen.

Auch in Ravensburg wohnte eine solche Ärztin. Dr. Martha Fauser war zwischen 1933 und 1945 in Weißenau und Zwiefalten tätig und saß wegen ihrer Verbrechen 1949 als einzige Ärztin beim Tübinger Grafeneck-Prozess auf der Anklagebank. Sie soll eigenhändig Patienten durch überhöhte Morphium-Dosen getötet haben. Wie Dorothee Breucker in einem Beitrag für das Buch "Ravensburg im Dritten Reich" schreibt, machte sie offenbar keinen großen Hehl daraus. So soll sie öfter Patienten oder Pflegern im Spaß gesagt haben: "Wenn Du nicht parierst, kriegst Du eine Spritze." Später gestand sie die Euthanasie an drei geisteskranken Patienten und wurde dafür zu einer Haftstrafe verurteilt. Eine Haftstrafe von anderthalb Jahren.

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