Jehle kümmert sich um den Osten

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RAVENSBURG/ROM - Von Kindesbeinen an wollte er Landwirt werden, Traktor fahren, Äpfel brocken, Schweine züchten, vom Vater den Hof übernehmen. Doch es kam anders: Dr. Raimund Jehle (39), Landwirtssohn aus Ravensburg-Alberskirch, kümmert sich seit sieben Jahren in Rom im Auftrag der Vereinten Nationen (UN) um die ländliche Entwicklung in Osteuropa.

Von unserem Mitarbeiter Michael C. Hermann

Wo er so in letzter Zeit unterwegs war? Pristina, Podgoriza, Skopje, Tirana, beginnt Raimund Jehle die Liste und fährt fort mit Sarajewo, Belgrad, Ankara, Baku, Tiblisi, Jerewan und vielen anderen Städten. Der promovierte Agrarökonom kommt wirklich herum in der Weltgeschichte. Sein Büro ist in Rom bei der "Food Agriculture Organization" der UN, einer Behörde, die sich seit 1949 um Ernährung und landwirtschaftliche Entwicklung auf der Welt kümmert. "Unser Job ist es, dafür zu sorgen, dass die Armut und der Hunger auf dem Land verringert werden. Bis 2015 wollen wir diese halbieren. Dafür brauchen wir viel Unterstützung und versuchen auch, private Geldgeber zu erschließen", erläutert Dr. Jehle. 2000 Mitarbeiter arbeiten für die FAO in Rom, Raimund Jehle ist mit seinem Team für Europa und Zentralasien zuständig. Er selbst ist der Experte für den Balkan, für den Kaukasus und die Türkei. Letztere hat es dem jugendlich wirkenden Politikberater mit der südeuropäischen Optik besonders angetan. "Ich bin ein großer Freund der Türkei. Sie hat großes Potenzial und das Zeug, auf lange Sicht in die EU integriert werden zu können." Zur Zeit arbeitet Jehle an einem Gutachten zur türkischen Milchproduktion.

In Rom fühlt er sich wohl, wohnt mit seiner Frau - einer deutschen Architektin - und seinem kleinen Sohn in einer typisch römischen Wohnung mit Dachgarten in der Innenstadt. Die gehört übrigens Susanna Capurso, besser bekannt als Sabrina Buchstab, der italienischen Gemüseverkäuferin aus der ARD-Serie "Lindenstraße". "Die schauen wir aber nicht an", erzählt Raimund Jehle, der ansonsten gerne deutsches Fernsehen sieht. "Das italienische Fernsehprogramm ist furchtbar."

Der Lärm ist riesig

In Rom ist er mit einem kleinen Roller unterwegs, für den deutschen Besucher in typisch römischer halsbrecherischer Fahrweise. Rom ist super, meint er, vor allem wegen des kulturellen Angebots. Ob er in Rom alt werden möchte? Ob man in Rom alt werden könne, sei die passendere Frage. "Die Luftverschmutzung und der Lärm sind enorm", klagt Jehle und denkt an seine Heimat Oberschwaben. Dort ging er zur Schule, macht Abi am Wirtschaftsgymnasium, spielte Fußball, zuletzt in der Verbandsliga für Friedrichshafen. Weitere Stationen waren eine Landwirtschaftslehre in Schleswig-Holstein, Studienjahre in Bonn, Hohenheim und Pulman (USA), Praktika und erste berufliche Erfahrungen in Brüssel, Wien, Bregenz und Prag. Dann kam der Ruf nach Rom zur FAO und der erste Auftrag: "Meine Aufgabe war es, die Landwirte und Kleinbauern im Kosovo nach dem Bombardement mit Saatgut und Geräten auszustatten." Seitdem sei viel auf dem Balkan vorangegangen, die Transformation von der sozialistischen Planwirtschaft in eine moderne Marktwirtschaft in einigen osteuropäischen Ländern gut gelungen. Globalisierung - für viele Landwirte hierzulande ein Reizwort - findet Politikberater Jehle grundsätzlich gut. "Der freie Handel in der Landwirtschaft ist für viele Länder ein ganz großer Schritt bei der Armutsbekämpfung." Und was bedeutet Globalisierung für Bodensee-Oberschwaben? "Als Landwirtssohn dieser Region sehe ich da große Schwierigkeiten. Manche Höfe werden überleben und sind auch gut gerüstet für den internationalen Wettbewerb, andere werden es sehr schwer haben." Biologische und gentechnikfreie Produktion werden kein Allheilmittel für eine ganze Region sein. "Die Kombination mit dem Tourismus wird sicherlich noch wichtiger werden". Will er dennoch zurückkehren auf den elterlichen Hof in Alberskirch? "Man soll nie nie sagen.-. . Oberschwaben und der Bodensee sind schon sehr reizvoll."

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Raimund Jehle vor einem Gemüsestand in der Innenstadt Roms. Foto: Hermann

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