Adorno bis Walser: Eckart Cordes lockt berühmte Literaten nach Kiel

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Der Buchhändler Eckart Cordes hat viele Weltliteraten nach Kiel geholt: Günter Grass, Paul Celan und Doris Lessing sind nur wenige Beispiele auf seiner langen Liste. Seit 45 Jahren organisiert Cordes internationale Autorenabende, inzwischen sind es mehr als 500. „Dabei sind viele kuriose Geschichte passiert“, sagt der 73-Jährige.

Mit großem Engagement und Beharrlichkeit schafft er es immer wieder, auch Literaten an die Förde zu locken, die sich sonst lieber rar machen. Im Juni erhält Cordes den mit 10 000 Euro dotierten Kieler Kulturpreis 2006.

In Cordes' Wohnung hängen an den Wänden zahlreiche gerahmte Fotos, die den Buchhändler bei Lesungen mit Autoren wie Martin Walser, Siegfried Lenz oder Peter Härtling zeigen. Auf einem Tisch steht eine uralte Schreibmaschine. Auch im Computerzeitalter erledigt Cordes so noch immer seine Korrespondenz mit den Schriftstellern. In hohen Regalen reihen sich hunderte Bücher aneinander, darunter viele signierte Erstausgaben.

Cordes hat den Überblick nicht verloren: Kaum ist der Name Günter Grass gefallen, springt der 73-Jährige vom Stuhl auf, dreht sich zu einem der Regale und zieht zielsicher eine vom Autor signierte Ausgabe der „Blechtrommel“ hervor. „Für Eckart Cordes, den Buchhändler mit Lampenfieber“, steht da geschrieben. Denn für seine Aufregung vor jeder Lesung ist Cordes auch noch nach Jahrzehnten als Organisator bekannt: „Ich zittere vor jedem Abend, ob er ausverkauft ist oder schlecht besucht“, sagt Cordes, der jede freie Minute mit Lesen verbringt. Seine Buchhandlung hat er vor sechs Jahren zwar verkauft, Autorenabende organisiert der Träger des Bundesverdienstkreuzes und der Andreas-Gayk-Medaille aber weiterhin.

Der Rat zu den Abenden mit Literaten erhielt Cordes 1958 von dem legendären Verleger Ernst Rowohlt: Bücher könne der Kieler am besten verkaufen, wenn er Autoren einlade. „Die Vertreter der großen Verlage haben zunächst nur gelacht“, erinnert sich Cordes an seine anfänglichen Versuche, bekannte Schriftsteller für Lesungen zu gewinnen. 1961 schließlich kam der damals 27-jährige Uwe Johnson. Er las aus seinem gerade veröffentlichten Roman „Das dritte Buch über Achim“. Kein einziger der damals 130 Zuhörer habe anschließend ein Buch gekauft, sagt Cordes kopfschüttelnd.

Unermüdlich knüpfte er Kontakte, schrieb, telefonierte oder stand bei einigen Autoren auch einfach mal spontan vor der Tür. Im Laufe der Jahre sind viele Freundschaften entstanden: Grass hat seit 1963 mehr als ein Dutzend Mal in Kiel gelesen und an diesem Mittwoch (26. April) kommt auch Rolf Hochhuth wieder - für eine Lesung zu seinem 75. Geburtstag.

Cordes' Geheimrezept fasste Elias Canetti zusammen, als er dem Buchhändler im Juni 1970 schrieb: „Ihre Herzlichkeit, Begeisterung und Fürsorge teilen sich einem gleich bei der Ankunft mit. Man liest lieber, weil Sie es so ernst nehmen, und vielleicht liest man darum auch besser.“ Bereits 1963 hatte Cordes den Autor der „Blendung“ zum ersten Mal getroffen. Das war auf einem Empfang in Frankfurt am Main und Cordes scheute sich nicht, Canetti am Buffett anzusprechen und nach Kiel einzuladen.

Zurück mit einer vagen Zusage und Canettis Visitenkarte rief der Buchhändler in den folgenden Monaten mehrmals wöchentlich bei Canetti in London an. „Canetti war aber ein unglaublicher Stimmenimitator und gab sich immer als jemand anders aus“, erinnert sich Cordes. Bis Canetti endlich einwilligte, vergingen noch fünf Jahre. Nach der Lesung schrieb der Nobelpreisträger begeistert: „Ich habe noch oft an die Lesung in Kiel zurückgedacht, es war für mich eine der schönsten Veranstaltungen dieser Art.“

Ob der Soziologe und Philosoph Theodor W. Adorno, der isländische Nobelpreisträger Halldór Laxness, der israelische Schriftsteller Ephraim Kishon oder der Amerikaner John Irving - sie alle kamen nach Kiel. Der jugoslawische Autor Miodrag Bulatovic verewigte Cordes 1968 sogar in seinem Roman „Der Krieg war besser“, indem er einer Figur dessen Namen gab. Doch es gibt drei Autoren, bei denen es Cordes noch heute schmerzt, dass sie nie seinem Ruf an die Förde folgten: „Bei Max Frisch, Heinrich Böll und Friedrich Dürrenmatt waren alle Versuche vergeblich.“

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