Als der Landkreis ein Bundesland war

Lesedauer: 5 Min

LINDAU - Seit 50 Jahren gehört Lindau wieder zu Bayern, nachdem es vor fast genau 200 Jahren erstmals bayerisch geworden ist. An die "Blütezeit des Landkreises" unter dem Kreispräsidenten Anton Zwisler zwischen 1945 und 1956 hat der Landkreis bei einer Feierstunde am Donnerstag erinnert.

Von unserem Redakteur Dirk Augustin

Manchmal wünscht sich auch Landrat Dr. Eduard Leifert die goldenen Zeiten des "Landkreisstaates Lindau" zurück. So erinnerte er daran, dass der Kreispräsident in diesen zehn Jahren ausdrücklich den Ministerpräsidenten der Bundesländer gleichgestellt war. So konnte er aus eigener Machtfülle Einrichtungen wie die Industrie- und Handelskammer, das Gericht und die Spielbank schaffen. Zudem erhielt er wie alle Länder die gesamten Einnahmen aus der Lohn- und Einkommenssteuer und der Tabaksteuer.

Kein Wunder, dass der Landkreis Lindau damals alles andere als arm war. So erlebte der Schulhausbau in den zehn Jahren vor 1956 eine wahre Blüte. Heute dagegen muss Leifert mit jedem Euro rechnen, wenn er eine neue Realschule bauen will. Damals sprachen andere neidvoll vom "Fettfleck Deutschlands", wenn sie nach Lindau schauten, weil es den Menschen am bayerischen Bodensee und im Westallgäu eigentlich an nichts fehlte, während rundherum der Mangel herrschte. Im Landkreis fehlten lediglich Kartoffeln und Mehl, die sich aber über Tauschgeschäfte gegen Obst und Schnaps leicht besorgen ließen.

Leifert erinnerte an ein paar Anekdoten aus dieser Zeit: So hatte der damalige Finanzreferent Halmburger 1948 die Idee, der Landkreis Lindau solle eine eigene Briefmarke herausgeben. Das lehnte Zwisler mit den Worten ab: "Das würde Euch so passen, dass mich alle hinten ablecken."

Das der Landkreisstaat Lindau ein Ergebnis der Nachkriegszeit und des beginnenden Kalten Krieges war, berichtete Dr. Günther Bradler in seinem ausschweifenden Vortrag. Der in Wangen geborene Archivar des Landtags in Stuttgart berichtete, wie die Franzosen bei Kriegsende alles daran setzten, möglichst große Flächen auf deutscher Seite des Rheines zu beherrschen und wie sich die Amerikaner dem widersetzten. Zum Ausgleich gestanden die USA den Franzosen im Landkreis Lindau nicht nur ein Transitrecht, sondern die Besatzungsmacht zu. So kam es, dass General Jean de Lattre de Tassigny, der auch "der französische Wallenstein" genannt wurde, Quartier in der Villa Wacker in Bad Schachen nahm.

Das Gerangel um Lindau

Im Laufe der Jahre wurde der Einfluss der Franzosen naturgemäß immer geringer. Stattdessen wetteiferten Württemberger und Bayern um den Landkreis Lindau. Bradler beschrieb dieses Gerangel aus Sicht von Gebhard Müller, der von 1953 bis 1958 Ministerpräsident des damals gerade neu gebildeten Baden-Württemberg war und dessen Nachlass der Archivar geordnet hat. So berichtete Bradler, dass Müller Mitte der 50er-Jahre auf Lindau verzichtet habe. Deshalb habe er seinen Ministerpräsidenten-Kollegen Dr. Wilhelm Hoegner (SPD) nicht zum Festakt zur Wiedereingliederung Lindaus zu Bayern am 27. März 1956 eingeladen. Bradler zitierte einen Brief Zwislers, der sich dafür entschuldigt habe.

Der Freistaat habe Müllers Wirken erst später gewürdigt und ihm 1977 den Bayerischen Verdienstorden überreicht für sein Mitwirken bei der "segensreichen Lindauer Rückgliederung". Nicht ganz ernst gemeint, schlug Bradler vor, im Zuge der Neuordnung von Bundesländern nochmals darüber zu diskutieren, ob der Landkreis nicht besser zu Baden-Württemberg gehören sollte: "Aber ich glaube, Lindau bliebt ganz gerne beim Freistaat Bayern."

Kommentare werden geladen