"Es ist immer eine Reise in eine neue Welt"

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BIBERACH - Dr. Petra Willim erhält am nächsten Mittwoch in Biberach den Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis für die herausragende Übersetzung des Buches "Sartre. Der Philosoph des 20. Jahrhunderts" von Bernard-Henry Lévy. In einem Interview erklärt sie die Mühen und Freuden des Übersetzens.

Von Achim Zepp

Frau Willim, Übersetzer stellt man sich als einsame Menschen vor. Sie sitzen monatelang allein über einem Text und kämpfen. Ist das so?

Monatelang an einem Text zu arbeiten, muss keineswegs mit Einsamkeit einhergehen. Man hat als Übersetzerin, wie andere Leute auch, einen Arbeitstag, man konzentriert sich mehrere Stunden auf seine Arbeit. Man legt, wie andere Leute auch, Pausen ein, kehrt dann wieder an den Arbeitsplatz zurück, diskutiert Übersetzungsmöglichkeiten mit Kollegen oder Freunden. Für mich ist die Arbeit an einem ausführlichen Text, wenn er denn spannende Gedanken enthält und gut geschrieben ist, eine ausgesprochene Wohltat. Ich empfinde es als einen regelrechten Luxus, wenn es einem heute in einer gesellschaftlichen Nische möglich ist, gründlich einen Gegenstand zu durchdenken.

Wer ein Buch liest, weiß in der Regel nicht, wer es übersetzt hat. Die Öffentlichkeit schenkt dem kaum Beachtung. Höchstens die Übersetzung ging schief, dann schimpfen die Kritiker: lausig. Wie lebt es sich damit?

Zum Glück hat sich hier bereits einiges verändert. Früher mussten die Übersetzer nicht einmal im Impressum genannt werden, das hat sich heute bei Verlagen inzwischen weitestgehend durchgesetzt. Ich persönlich kann mich bisher nicht beklagen, ich bin noch nicht öffentlich beschimpft worden, vielleicht kommt das ja noch.

Sie bekommen den Wieland-Preis für ein Sachbuch. Sind Sie darauf spezialisiert oder übersetzen Sie auch Belletristik, Theaterstücke und anderes?

Bislang habe ich ausschließlich Sachbücher übersetzt. Allerdings muss man mitunter auch in einem Sachbuch, etwa in einer Biographie, bislang unveröffentlichte Texte eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin ins Deutsche bringen. Insofern kann auch ein Sachbuch literarische Textteile enthalten. Darüber hinaus habe ich den Anspruch, auch bei einem Sachbuch auf Sprachklang, Lesbarkeit und richtige Wahl der Bilder zu achten. Die Grenze zum Literarischen ist also nicht so eindeutig. Allerdings hätte ich durchaus einmal Lust, mich auch an einem ausschließlich literarischen Text zu versuchen.

Die Entlohnung ist in der Regel eher dürftig. Können Übersetzer nur mit einem Zweitberuf überleben?

Generell steht der Aufwand, den eine gute Übersetzung kostet, in hartem Kontrast zur Entlohnung - und dies auch bei Verlagen, die vergleichsweise gut zahlen. Aber gerade die Verlage, die sich um literarische Qualität bemühen, könnten sich anders kaum Übersetzungen leisten. Die gewerkschaftlich organisierten Übersetzer versuchen durchzusetzen, dass es einen Mindestpreis pro Normseite gibt und dass Übersetzer gegebenenfalls am wirtschaftlichen Erfolg eines Buches beteiligt werden. Was den Zweitberuf anbetrifft, habe ich selbst den Schritt, als Lehrerin zu arbeiten, aus der finanziellen Unsicherheit, in der ich steckte, getan, möchte aber unbedingt auch weiter übersetzen. Ich hoffe, dass mir das gelingen wird.

Was ist eine gute Übersetzung?

Nun, erst einmal muss der Text sich gut lesen lassen. Er sollte selbstverständlich möglichst keine Fehler enthalten - wobei der Fehlerteufel auch die besten der Übersetzer immer wieder quält. Der übersetzte Text sollte so weit wie möglich nicht nur den Inhalt, sondern auch die Tonlage und den Sprachrhythmus des Originaltextes wiedergeben. Ich kann einen Autor, der im Original lange Schachtelsätze schreibt, nicht einfach mit kurzen knappen Sätzen wiedergeben. Andererseits gibt es hier Grenzfälle, die mit der Unterschiedlichkeit der Sprachen zu tun haben. Aus manch einem französischen Satz, der im Original ganz elegant klingt, wird bei wortgetreuer Übersetzung im Deutschen ein hässlicher Schachtelsatz. Hier muss man sich als Übersetzerin entscheiden - gegen die Worttreue und für die Eleganz.

Was fasziniert an diesem Beruf?

Ich finde es schön, mich ausführlich mit einem Thema oder einem Autor befassen zu dürfen. Es ist immer eine Reise in eine neue Welt, und reale wie geistige Reisen machen mir außerordentlich Spaß. Zudem ist es ein schönes Gefühl, wenn man nach den vielen mühevollen Stunden, die man an einer Übersetzung gesessen hat, schließlich das fertige Buch in der Hand hält. Der Text, um den man gerungen hat, hat plötzlich ein Eigenleben, tritt einem als etwas Fremdes entgegen.

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