Künstler sucht Heilung durch Zumutung

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RAVENSBURG - "Archiv" heißt die Ausstellung Raimund Wäschles, die am Sonntag, 11. September, in der Kreissparkasse Ravensburg eröffnet wird. Gezeigt werden Radierungen, die sich mit Entstelltem und Verletztem beschäftigen. Beim intensiven Betrachten aber wandeln sie sich zu Neuem.

Von unserer Mitarbeiterin Marianne Blöchinger

" Das ist ja eben das Schwierige, das Spiel mit der Sünde - ganz schön, aber wer es tut, tut es auf eigene Gefahr." In solchen Tagebuchnotizen des Malers Max Beckmann findet Raimund Wäschle sich wieder. Mit seiner gewagten Erkundung menschlicher Abgründe erfüllt der Expressionist Beckmann Vorbildfunktion. Raimund Wäschle fand seinen künstlerischen Themenkreis mit Fotodokumenten aus den nationalsozialistischen Vernichtungslagern.

Noch nach 25 Jahren künstlerischer Auseinandersetzung ergreifen ihn die Entstellungen des Menschen. Mit rückhaltloser Einfühlung begegnet der Künstler dem Schrecklichen, bis es sich durch wiederholtes, vorurteilsfreies Hinschauen zu Neuem wandelt. Auf dem Gebiet der Radierung hat es Raimund Wäschle zu besonderer Meisterschaft gebracht. Für sein grafisches Werk erhielt er 2004 den Preis der bayrischen Akademie der Schönen Künste.

Bereits in den 80er Jahren entstand eine erste große Radierserie um den Themenkreis Holocaust. In den 90er Jahren verwendete Wäschle als Vorlagen auch Abbildungen von krankhaften Veränderungen und Verletzungen aus medizinischer Fachliteratur. Die Radierserie Moulage von 2002 setzt sich mit dem abstoßenden Erscheinungsbild von Hautkrankheiten auseinander. In der Radierserie Shunt (Weiche, Abweichung) von 2003/2004, nimmt Wäschle bewusst das eigene Werk als Bilderarchiv und Vorlage. "Via crucis", Kreuzweg, heißt die Radierserie von 2005 und "Archiv" die Ausstellung im September in der Kreissparkasse Ravensburg.

Raimund Wäschle wäre gerne Arzt geworden wie sein Onkel Viktor Waibel, ein Bruder des Künstlers Hermann Waibel. Der ästhetischen Wahrheit ist Wäschle auf der Spur wie einem Tumor. Die Aufdeckung des Entstellten und Verletzten geht er nicht zuletzt als Wahrnehmung seiner eigenen Gefährdung an. Die Mutter, eine emotionsgeladene Pianistin und Klavierlehrerin, und der Vater, ein wortgewandter Jurist, ehemaliger Oberbürgermeister und Ehrenbürger von Ravensburg, gaben Musikalität und Scharfsinn an ihn weiter, kompromisslose Beharrlichkeit und eine außerordentlic hen Sensibilität.

Vom Kunstlehrer entdeckt

Der Kunstlehrer Pic Bolkovic entdeckte die künstlerische Begabung des 17-Jährigen und förderte sie. In Stuttgart, wo Raimund Wäschle 1956 geboren wurde, machte er das Staatsexamen an Kunstakademie und Universität. Nach einer Anstellung an der Privatschule Heimschule Kloster Wald kam er 1990 als Kunsterzieher an die Edith-Stein-Schule nach Ravensburg. Mit einer ehemaligen Studienkollegin zusammen gründete er eine Familie. Philip und Niklas heißen die beiden Söhne, 1990 und 1994 geboren. Die Verantwortung als Pädagoge, als Vater und für das riskante künstlerische Werk überforderte, führte zu Erschöpfung und psychischen Problemen. Der Rückzugsraum fehlte.

Ein Tief- und Wendepunkt rief im Jahr 1997 einen väterlichen Freund an die Seite Wäschles. Der Pädagoge und Kunstkenner Anton Schmid aus Kissleg ermutigte den Künstler und begleitet ihn seitdem mit zupackender Hilfe, Erfahrung und Sachverstand. Bisher hatte Wäschle noch mit seinem Atelier in Altshausen an der Zeit als Junglehrer in der Heimschule Wald festgehalten.

Schließlich richtete sich der Künstler 1998 in Waldburg ein Atelier ein, wo er bereits alleine in eine kleine Wohnung gezogen war. Im Jahr 1998 stellte Raimund Wäschle auch das Triptychon fertig, das von der Stadt Ravensburg erworben wurde. Die achtzehnfache Variation der Gehirnform deutete der Autor Peter Renz bei der Einführung zu der Ravensburg Ausstellung "Bilder des Jahres" als Metapher der Potenz und des Zerfalls.}

Der Künstler und Kunsterzieher Raimund Wäschle beschäftigt sich am Schreibtisch mit den Abbildungen medizinischer Fachliteratur.

Foto: Marianne Blöchinger

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