Als Lindau zurück nach Bayern kam

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Der Kreis Lindau verfügte Anfang der 50er-Jahre über ein hohes Steueraufkommen, über dessen Verteilung nicht in einer fernen Landeshauptstadt, sondern vor Ort entschieden wurde. Soweit möglich entschuldete man bis zur Währungsreform die Gemeinden und investierte. Neue Straßen und neue Schulgebäude wurden zum Markenzeichen des "Bayerischen Kreises Lindau". Weil das Land Lindau als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches zeitweilig Miteigentum an ehemaligem Wehrmachtsgelände hatte, konnte es der Stadt Lindau Grund und Boden für Industrieansiedlungen zur Verfügung stellen. Das war eine der Maßnahmen, mit denen der Kreispräsident seine "Landeshauptstadt" förderte. Denn deren Lage war auf Grund eines Schweizerfranken- kr-edits aus der Weimarer Zeit und den Folgen der Währungsumstellung nicht so rosig wie das der meisten Gemeinden im Kreis.

Um ihre Finanzlage zu verbessern, schwebte Oberbürgermeister Dr. Frisch die Einrichtung einer Spielbank vor. Dabei war die Lindauer Autonomie eine wesentliche Voraussetzung. Kreispräsident Zwisler genehmigte, was die bayerische Staatsregierung damals nicht getan hätte. In Lindau brachten die Abgaben der 1950 in Betrieb genommenen Spielbank den Haushalt der Stadt wieder ins Lot und ermöglichten Investitionen.

Lindau war den Bayern voraus

Auch in anderen Dingen waren Stadt und Landkreis Lindau dem amerikanischen Bayern voraus. So durfte in Lindau bereits im Mai 1946 weiß-blau geflaggt werden, jenseits des "seidenen Vorhangs" war dies erst im Dezember 1946 möglich. Ins Hintertreffen geriet Lindau hinsichtlich seiner demokratischen Entwicklung. Dass es kein Parlament gab, wurde zunehmend als Manko empfunden. Dass die Gesetzgebung ausschließlich beim Kreispräsidenten lag, widersprach dem Grundgesetz. Seine Machtfülle beruhte allein auf dem Besatzungsrecht, das jedoch mehr und mehr an Gewicht verlor. Als am 5. Mai 1955 die Pariser Verträge der Bundesrepublik volle Souveränität gaben, verlor der Lindauer Status seine juristische Grundlage. Daraufhin verabschiedete der Bayerische Landtag am 23. Juli 1955 ein Gesetz, das die Rückgliederung des Kreises Lindau nach Bayern zum 1. September 1955 vorsah.

Einige Juristen und Staatsrechtler im Bayerischen Senat und in Lindau äußerten Bedenken gegen dieses Verfahren, das ihnen nicht demokratisch erschien. Zum einen bezweifelten sie das Recht des Landtages, über Lin-dauer Fragen entscheiden zu dürfen, zum anderen wünschten sie sich, dass die Lin-dauer abstimmen sollten. Auch Bauern und Sportler waren mit der Wiedervereinigung nicht einverstanden. Es gab einige, zum Teil heftige Meinungswechsel, die jedoch das Verfahren nicht aufhalten konnten. Entgegen aller Bedenken machte Zwisler letztmalig von seiner undemokratischen Machtfülle Gebrauch und setzte die "Lex Lindau" des Bayerischen Landtages - nach Rücksprache mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung - in Kraft. Damit stand der Rückkehr nach Bayern nichts mehr im Wege und die LZ titelte am 1. September 1955: "Ab heute wieder ganz bei Mutter Bavaria".

Allerdings blieb das Kreispräsidium als Abwicklungsbehörde bis Ende März 1956 bestehen. Kurz vor seiner Auflösung fand am 27. März 1956 im Alten Rathaus im Beisein des gesamten bayerischen Kabinetts ein Staatsakt statt, mit dem die Wiedervereinigung gefeiert wurde. Dieses Fest wurde stärker wahrgenommen als der 1. September 1955. Die Mehrzahl der Lindauer hatte wohl nie daran gezweifelt, dass ihr Land nach dem Ende des Besatzungsrechts wieder zu Bayern kommen würde. Aber als es so weit war, blickten viele mit Wehmut auf das Jahrzehnt der Autonomie zurück. Obwohl ursprünglich aufgezwungen, hatten sich doch zahlreiche Vorteile ergeben.

Einiges aus dieser Zeit lebte noch lange fort: Der Sportkreis Lindau, dessen Sympathien 1955 wegen der besseren Toto-Organisation nach Württemberg gingen, vollzog den Wechsel nach Bayern erst 1974, die IHK Lindau gab ihre Selbstständigkeit erst vor anderthalb Jahren auf. So bleibt als eine der wenigen Einrichtungen, die ohne ein eigenes Land Lindau nicht denkbar gewesen wären, die Spielbank. }

Das Autokennzeichen "FBy" steht für "Französisch Bayern" und ist ein Hinweis auf die Sonderstellung des Landkreises Lindau in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Werner Stuhler

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