Pöbeleien im Bundestag: Rekord-Zwischenrufer gekürt

Lesedauer: 4 Min

„Frühstücksverleumder“, „Rotzjunge“, „Lümmel“, „Brüllaffe“ - die Liste der parlamentarischen Pöbeleien in der über fünfzigjährigen Geschichte des Bundestags ist lang.

„Geistiges Eintopfgericht“, warf der legendäre SPD-Fraktionschef Herbert Wehner 1956 einem CDU-Abgeordneten an den Kopf. Zu einem KPD-Politiker sagte er „Schnauze, Iwan!“, und den CDU-Parlamentarier Jürgen Wohlrabe nannte er schlicht „Übelkrähe“. „Damals ging's wesentlich heftiger zu als heute“, sagt der SPD-Politiker Jörg Tauss, der inzwischen auf gewisse Weise in Wehners Fußstapfen tritt: Tauss wurde am Donnerstag von einer Satire-Zeitung zum Rekord-Zwischenrufer der laufenden Bundestags-Legislaturperiode gekürt.

„Ich sage Ihnen das gleich deutlich: Ich bin die Nummer eins“, sagt Tauss. Er ist durchaus stolz auf die Zahl von insgesamt 2736 Zwischenrufen in 185 Bundestagssitzungen - auch wenn seine Mutter ihn immer ermahnt habe, sich Wehner nicht zum Vorbild zu nehmen, erzählt er. „Ich bin der Auffassung, dass man unsere Parlamentsdebatten etwas beleben kann. Bei uns ist's manchmal etwas steif.“

Tauss' Neigung zu Zwischenrufen ist im Parlament längst bekannt. „Der Kollege Tauss regelt sein Klärungsbedürfnis regelmäßig durch gezielte Zwischenrufe“, stellte etwa Bundestagsvizepräsident Norbert Lammert in einer Debatte im Dezember 2003 fest. So war es auch Tauss, der Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel „Üben!“ zurief, als die sich in der Debatte über die Vertrauensfrage von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) am 1. Juli wiederholt versprochen hatte.

Doch auch andere Parlamentarier fielen seit 2002 mit Zwischenrufen auf. „Arroganter Junge“ und „Windbeutel“ schleuderte SPD-Chef Franz Müntefering dem FDP-Kollegen Guido Westerwelle entgegen, „Holzkopf“ nannte die SPD-Abgeordnete Gabriele Hiller-Ohm den CDU-Mann Georg Schirmbeck. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) musste sich von Hans Michelbach (CSU) als „Schwachmatiker“ titulieren lassen. Peter Dreßen (SPD) bezeichnete die FDP als „Wurmfortsatz der CDU“, Peter Ramsauer (CSU) die Koalitions-Abgeordneten als „Proleten“.

Bis April gab es in dieser Legislaturperiode insgesamt neun Ordnungsrufe. Einen davon handelte sich CSU-Landesgruppenchef Michael Glos ein, als er Außenminister Joschka Fischer im November 2004 „Zuhälter“ nannte - Fischer selbst hatte 1984 zum damaligen Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen (CSU) gesagt: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“

Insgesamt zählte der im Ruhrgebiet erscheinende „Helgoländer Vorbote“ in dieser Legislaturperiode knapp 58 000 Zwischenrufe, davon rund 23 500 von Unions-Abgeordneten, 18 000 aus den Reihen der SPD, knapp 10 000 von Grünen- und 6000 von FDP-Parlamentariern. Tauss führt die Liste klar vor SPD-Fraktionsgeschäftsführer Wilhelm Schmidt (1734 Zwischenrufe) und dem CDU-Politiker Steffen Kampeter (1709) an. Fünf von sechs Zwischenrufen kamen von Männern. Die erste Frau auf der Liste ist Ute Kumpf (SPD) - sie kommt mit 421 Einträgen auf Rang 28. Männer hätten eben die lauteren Stimmen, meint Tauss. Er biete deshalb Kolleginnen an, notfalls für Zwischenrufe einzuspringen. Ein „Service für die weiblich Seite des Hauses“, sagt er.

(dpa)

Kommentare werden geladen