Die Fenster zeigen große Persönlichkeiten

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Die evangelische Kirche besitzt wertvolle Glasfenster aus drei Kunstepochen. Und zwar spätmittelalterliche aus dem 15. Jahrhundert in der Gesellschaftskapelle, historische in den an der Südseite angebauten Kapellen und schließlich moderne in Chor und Schiff, geschaffen 1964/66 hauptsächlich von Gottfried von Stockhausen.

Von unserem Mitarbeiter Alfred Lutz

Wer sich in die einstige Möttelin- und St.-Annakapelle begibt, die 1448 beziehungsweise 1508 an das südliche Seitenschiff der damaligen Karmeliterkirche angefügt worden waren, wird dort von der faszinierenden farblichen Leuchtkraft und technischen Qualität der sieben neugotischen Reformatoren- und Fürstenfenster in ihren Bann gezogen. Sie sind der letzte Rest der umfangreichen historischen Neuausstattung, die 1860/62 unter Leitung des Baurats Gottlieb Pfeilsticker erfolgt war.

Mit vier den Vater verloren

Der Schöpfer dieser schönen Glasfenster, Ludwig Mittermaier, wurde 1827 im bayerisch-schwäbischen Lauingen an der Donau als Sohn eines Dekorationsmalers geboren. Er hatte im Kindesalter schwere Schicksalsschläge zu verkraften. Bereits mit vier Jahren verlor er seinen Vater. Als Elfjähriger rettete er einen Spielkameraden aus den reißenden Fluten der Donau, zog sich dabei ein schweres Nervenfieber zu und war seitdem stocktaub. Der introvertierte, ja scheue junge Mittermaier versuchte dies zu kompensieren, indem er sich durch intensives autodidaktisches Bücherstudium ein erstaunliches Wissen auf den Gebieten der Literatur, Geschichte, Kunstgeschichte und auch der Chemie aneignete. Da er kaum Geld für Bücher hatte, schrieb er Bittbriefe an berühmte Persönlichkeiten, und dies nicht ohne Erfolg, denn Adalbert Stifter, Friedrich Hebbel, Justinus Kerner, Hans Christian Andersen, Justus von Liebig und andere ließen sich erweichen und schickten ihm Werke mit ermunternden Worten zu.

1849 begann er sich experimentierend mit der Glasmalerei zu beschäftigen. Vom Grafen Fugger-Glött erhielt er 1852 den ersten größeren Auftrag für dessen Hauskapelle in Dillingen, doch blieb seine finanzielle Lage noch längere Zeit prekär. Als typisch schwäbischer Tüftler erfand er einige neue Techniken, Geräte und Pigmente, baute auch einen Brennofen und wurde schließlich einer der Pioniere der neuen Glasmalerei. In Oberschwaben realisierte der Katholik Mittermaier 1861 nach größeren Aufträgen in Tettnang und Leutkirch in der Evangelischen Stadtkirche von Ravensburg eines seiner Hauptwerke, ja seinen umfangreichsten Werkzyklus. Davon haben sich nach der Umgestaltung 1964/66 im Kirchenraum jedoch nur die sieben Reformatoren- und Fürstenbilder erhalten.

Der Reigen der großen Persönlichkeiten der Evangelischen Kirche beginnt im östlichen Fenster mit Friedrich dem Weisen, dem in Mantel und Pelz dargestellten Kurfürsten von Sachsen, Landesherr und Beschützer von Martin Luther und Förderer der Reformation; es folgt der in Bretten geborene, seit1518 an der Universität Wittenberg wirkende Philipp Melanchthon, engster Mitarbeiter Luthers und Verfasser der berühmten Augsburger Konfession (1530), die er in den Händen hält. Die Reihe der Sachsen beschließt Martin Luther mit der von ihm ins Deutsche übersetzten Bibel in der linken Hand.

Als Nächster ist der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli dargestellt, dessen Lehre zunächst stark auch auf die oberdeutschen Reichsstädte, darunter Ravensburg, ausgestrahlt hatte. Zwingli ist hier nach einem Originalbild aus der Zürcher Wasserkirche dargestellt, die linke Hand auf das Schwert gestützt; er fiel im Kampf gegen die katholischen Kantone 1531 in der Schlacht bei Kappel. Dann folgen zwei Schwaben: Zunächst Herzog Christoph von Württemberg in Rüstung, mit der Lanze in der linken und der von ihm eingeführten grundlegenden Großen Kirchenordnung von 1559 in der rechten Hand, dann der Reformator der Reichsstadt Schwäbisch Hall und spätere bedeutende Gestalter der Evangelischen Kirche im Herzogtum Württemberg, Johannes Brenz; unter seinem Porträt ist als originelles Detail die Henne dargestellt, die ihn angeblich täglich mit einem Ei versorgte, als er sich 1549 vor spanischen Truppen auf einem Dachboden in Stuttgart versteckt halten musste.

Zyklus endet mit König

Der siebenteilige Zyklus endet schließlich im Westfenster mit König Gustav Adolf von Schweden, der 1630 aus eigenen Machtinteressen wie zur Verteidigung des Protestantismus in den 30-jährigen Krieg eingriff und 1632 in der Schlacht von Lützen fiel. Der König ist heldenhaft, in leuchtender Rüstung, mit übergeworfenem rotem Samtmantel dargestellt, die gefalteten Hände stützt er auf das Schwert.

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