Im besetzten Lindau müssen Bewohner Häuser räumen

Lesedauer: 9 Min

LINDAU - Vor 60 Jahren ist der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Lindau ist von allzu großen Kriegsschäden verschont geblieben. Dennoch haben auch hier das Ende der Nazi-Herrschaft und das Kriegsende Spuren hinterlassen. Im dritten Teil einer kleinen Serie erinnert die LZ daran, wie die französische Besatzungszeit begann.

Von unserem Mitarbeiter Karl Schweizer

Zu den ersten Maßnahmen der neuen Macht gehörte ab 3. Mai 1945 das Errichten verschiedener Gefangenenlager in der Stadt. Im Keller der Buchhandlung Stettner wurden vorübergehend politische und militärische Repräsentanten des NS-Regimes festgehalten. Gleiches geschah im Landratsamtsgebäude im ehemaligen "Stift", im Amtsgerichtsgefängnis nebenan und in den Räumen der bisherigen NSDAP-Kreisleitung im Haus Baumgarten. Hinzu kam das Kamelbuckellager, etwas später das Lager auf dem Gelände des Holzbau Schneider (heute Alpengarten) sowie zwei Kriegsgefangenlager: eines auf dem Gelände des städtischen Bauhofes und das größte in und an der Sängerhalle, dort, wo heute die Inselhalle steht. Diese Sammelstelle bestand bis November 1945.

Frauen schützen Soldaten

Die Menschen dort wurden vom Lin- dauer Roten Kreuz unter der Leitung von Karl Bachmann versorgt. Die Lindauerinnen bewahrten in diesen Wochen etliche Männer, die bis dahin der Wehrmacht angehörten, mit Zivilkleidung, neuen Papieren und Lebensmitteln vor der Einweisung in ein Gefangenenlager. Gegen Kollaborateure aus dem früheren französischen Machtbereich gingen die Wachmannschaften immer wieder rücksichtslos vor. Von Zeit zu Zeit wurde ein Teil der Gefangenen, insbesondere jene mit Wohnsitz in der britischen und US-amerikanischen Zone, in das Zentrallager bei Rottweil verlegt. Andere Transporte brachten Gefangene zu Wiederaufbauarbeiten nach Frankreich.

Die Lindauer Stadtverwaltung wurde angewiesen strikt weiterzuarbeiten, unter anderem in der Villa Holdereggen und in der Hospiz-Dependance. Neuer Bürgermeister wurde zunächst der Rechtsanwalt Dr. Eberth.

Am 8. Mai feierten die französischen Soldaten hocherfreut das Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Herrschaft in Europa. General Jean de Lattre de Tassigny bezog am 12. Mai die Villa Wacker und errichtete darin sein Hauptquartier.

Ähnlich wie die Insel Reichenau und die (heute zu Wasserburg gehörende) Gemeinde Hege erlebte Lindau am 23. und 24. Mai 1945 einen heftigen Tiefpunkt im Verhältnis zu der französischen Besatzungsmacht: Knapp zwei Tage und Nächte lang mussten der Großteil der Inselbewohner sowie jene Lindauer aus dem Stadtgebiet südlich einer Linie Rotmoosstraße/Kemptener Straße/ Ober -rengers-weiler Weg und Spitalmühlweg ihre Wohnungen verlassen und nur mit Handgepäck auf das Land ziehen. Rund 8000 Menschen mussten ihre unverschlossenen Wohnungen verlassen, etwa 2000 durften bleiben. Trotz Verboten plünderten etliche Besatzungssoldaten die leer stehenden Häuser. Nach Protesten durch farbige französiche Soldaten, aus der Schweiz und von der US-Militärverwaltung (!) erreichte eine Lindauer Delegation das Ende des kleinen "Exodus". Von Mai bis Juni 1945 hielt sich in Hochbuch eine kleine US-Fernmeldeeinheit auf.

Auslöser der Aktion war, dass am Pfingstsonntag, 20. Mai, das Anwesen Fries in Hege niederbrannte. Darin war eine Vulkanisierungsanlage des französischen "Service Social" unterbracht gewesen. Der dortige Bürgermeister hatte zudem einen französischen Offizier beleidigt. Bis heute ist nicht geklärt, ob die Brandursache auf Deutsche oder Franzosen zurückzuführen ist. Außerdem sollen bei der Villa Wacker Schüsse auf ein französisches Offiziersauto gefeuert worden sein. Die französische Seite befürchtete immer noch terroristische "Werwolfaktionen" fanatischer NS-Anhänger.

Immer wieder beschlagnahmte die französische Seite Gegenstände des täglichen Bedarfs, um diese vor Ort selbst zu verwenden oder sie als Ausgleich für die Kriegsschäden nach Frankreich zu versenden. So wurde per Lautsprecherwagen beispielsweise folgende Abgabeliste für jede Familie in der Stadt bekannt gegeben: "1. einen Anzug (Jacke, Weste und Hose), 2. etwas Unterwäsche (Hemd mit Kragen, Unterhose, zwei Taschentücher, ein Paar Socken, eine Krawatte), 3. ein Paar Schuhe. Sämtliche Gegenstände in tadellosem Zustand É Ablieferungszeit am 21. und 22. Juni 1945. Wer der Ablieferungspflicht nicht nachkommt, hat Repressalien zu erwarten." Im Landratsamt wurde ein Requisitionsbüro geschaffen, welches für alle beschlagnahmten Gegenstände provisorische Quittungen ausstellen musste.

Ab August erscheint Amtsblatt

Neben den örtlichen Bekanntmachungen über einen Lautsprecherwagen unter technischer Leitung von Radiohändler Schmid seit Mai, erfuhr die Informationssituation eine deutliche Verbesserung, als Ende Mai der frühere NS-Reichssender München fünf Mal täglich mit aktuellen Radiosendungen seinen neuen Betrieb aufnahm. Seit dem 7. August erschien das Lindauer Amtsblatt in gedruckter Form mit amtlichen Bekanntmachungen, kurzen lokalen Meldungen, Veranstaltungshinweisen und immer mehr Suchanzeigen. Zu den Nachrichten gehörte auch, dass Frankreichs General de Gaulle am 12. und 13. Mai als Gast in Lindau erwartet wurde, und dass vom 12. bis 16. Juni das große Fest der französischen Armee stattfinde, bei dem auch der Sultan von Marokko Gast war. General de Lattre de Tassigny verstand es gut, seine Macht inszenieren zu lassen. Anderseits musste beispielsweise am 9. Juli erstmals öffentlich angeprangert werden, dass Lindauer Jugendliche bekannte frühere NS-Gegner beleidigt hatten.

Erste Stadtbeiräte berufen

Am 29. Juni berief der provisorische Bürgermeister Eberth in Absprache mit der Militärregierung 21 Personen zu Stadtbeiräten, einer ersten Form eines provisorischen neuen Stadtrates. Eine Frau war nicht darunter. Die Beiräte gehörten bis März 1946 in aller Regel zu den Gründungsmitgliedern der vier ersten Parteien, CDP/CSU, DVP/FDP, der SPD , der KPD und der Gewerkschaften. Ein Großteil von ihnen war auch Mitglied des am 12. Oktober 1945 gegründeten Antifaschistischen Blocks Lindau. Hier war mit Katharina Seifried wenigstens eine Frau Gründungsmitglied.}

General Jean de Lattre de Tassigny (zweiter von links) begrüßte am Lindauer Hafen (im Hintergrund der Mangturm) mit seinem Besuch, dem US-General Dever (vorne links), am 13. Juni 1945 hier stationierte französische Truppen.

LZ-Repro: Sammlung Schweizer.}

Oskar Groll durfte Vorarbeit fürs Kreispräsidium leisten

Im September 1945 bereits hatten die Vorbereitungen zur Gründung eines Kreispräsidiums begonnen: Das sollte eine oberste Dienstbehörde für das Gebiet des Landkreises Lindau sein mit ähnlichen Befugnissen wie eine Landesregierung. Der Kreis Lindau mit seinen rund 54 000 Einwohnern bildete die Landbrücke zwischen den französischen Besatzungszonen in Württemberg und Baden im Westen sowie Vorarlberg mit Tirol im Osten.

Zunächst sollte der ehemalige deutschnationale Reichswehrminister Otto Gessler in Lindenberg Kreispräsident werden. Als allerdings die US-Militärregierung in München erkannte, dass Gessler während der Weimarer Republik in seiner Eigenschaft als Reichswehrminister maßgeblich an der Schaffung der illegalen "Schwarzen Reichswehr" beteiligt gewesen war, wurde dessen Einsetzungsfeier telefonisch abgesagt. Mit Datum vom 1. November 1945 erheilt der ehemalige Lindauer SPD-Vorsitzende und Landtagsabgeordnete Oskar Groll den Auftrag, mit den Vorbereitungsarbeiten für ein Kreispräsidium zu beginnen. (ks)

Kommentare werden geladen