Dank Alfred Lutz ist das Ravensburger Biedermeier genau erforscht

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RAVENSBURG - Lange hat man auf sie warten müssen, nun liegt sie vor: die überarbeitete Fassung der Dissertation des Historikers Alfred Lutz über die Geschichte Ravensburgs in der Zeit des Biedermeier. In jener scheinbaren Ruhephase nach den Napoleonischen Kriegen gärte es weiter, weil die Menschen die Ideale der Französischen Revolution nicht losließen.

Von unserem Mitarbeiter Peter Eitel

Akribisch arbeitet der Autor heraus, was in dieser Zeit auch in Ravensburg die Gemüter bewegte: Die Infragestellung des seit dem Westfälischen Frieden geheiligten Prinzips der konfessionellen Parität in den politischen Gremien beispielsweise oder der Niedergang der Zünfte mit ihren starren Regeln, die jede unternehmerische Aktivität schon im Keim erstickten. An ihre Stelle traten nun Vereine wie der Liederkranz, das Museum oder die Turngemeinde, die jedem Bürger offen standen und in denen nicht nur gesungen, gefeiert und geturnt, sondern auch heftig politisiert wurde. Lutz zeigt auf, wie diese neuen bürgerlichen Korporationen zur Verbreitung liberalen Gedankenguts im Städtchen (1837 4800 Einwohner) beitrugen, wie sie gleichsam den Nährboden schufen für die revolutionäre Bewegung der Jahre 1848/49.

Am Beispiel des ersten Ravensburger Liederfests (1841) wird die politische Brisanz dieser jeweils an anderen Orten stattfindenden Großveranstaltungen aufgezeigt, bei denen die politisch frustrierten Oberschwaben mit Sängern aus den schweizerischen Nachbarkantonen Appenzell und St. Gallen zusammentrafen. In ihnen erblickten sie Sendboten der freien republikanischen Schweiz, wo all die politischen Errungenschaften bereits verwirklicht waren, die sie so schmerzlich entbehrten.

Breiten Raum räumt Lutz auch der wirtschaftlichen Entwicklung ein, dem Weg vom Zunftzwang hin zur Gewerbefreiheit und damit auch zur Industrialisierung, die in keiner anderen oberschwäbischen Stadt so früh einsetzte wie in Ravensburg. Es war das hier seit jeher heimische Textilgewerbe, das mit der Einrichtung mechanischer Wollspinnereien und -webereien seit 1828 Pionierarbeit leistete.

Im Zusammenhang damit würdigt der Verfasser die bedeutende Rolle, die der damalige Ravensburger Stadtschultheiß und Landtagsabgeordnete Franz v. Zwerger nicht nur als Politiker, sondern auch als Unternehmer gespielt hat. Keine andere Gestalt der Ravensburger und darüber hinaus der oberschwäbischen Geschichte des 19. Jahrhunderts verkörperte wie Zwerger den Geist des Fortschritts, des politischen ebenso wie des ökonomischen. Zwerger war, wie Lutz zeigt, ein Mann mit Visionen. Keiner erkannte so früh wie er die Bedeutung der Eisenbahn, und ihm ist es vor allem auch zu verdanken, dass Ravensburg bereits ungewöhnlich früh, nämlich 1847, Eisenbahnstation wurde.

Letztlich war es auch Zwerger, der die ehemalige Reichsstadt, die sich trotz ihres Niedergangs seit dem Dreißigjährigen Krieg immer noch als etwas Besonderes fühlte, mit dem neuen Vaterland, dem Königreich Württemberg, versöhnte. Dank seiner Präsenz in Stuttgart als Landtagsabgeordneter gelang es ihm, zinsgünstige staatliche Darlehen für die Ravensburger Textilindustrie auszuhandeln.

Was die Arbeit von Lutz auszeichnet, ist die sorgfältige Auswertung vieler bisher wenig beachteter Quellen, gedruckter und ungedruckter. Die Kehrseite dieser Quellennähe ist allerdings eine zuweilen ausufernde Ausführlichkeit, die dem Leser die Lektüre nicht gerade erleichtert. Wen der Umfang des Buches abschreckt, der sei auf die Zusammenfassung am Ende verwiesen, wo der Verfasser auf 20 Seiten seine Ergebnisse nochmals in konzentrierter Form darbietet. Festzuhalten bleibt, dass mit diesem Buch die Zeitspanne von 1810 bis 1847 neben der Zeit des Dritten Reichs nunmehr zu den am gründlichsten erforschten Abschnitten der Stadtgeschichte gehört. }

Alfred Lutz: Zwischen Beharrung und Aufbruch. Ravensburg in den Jahren 1810 bis 1847. 848 S., 45 z. T. farbige Abb. Aschendorff Verlag Münster 2005. 59 Euro

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