Poet und Bürgerschreck - Rolf Dieter Brinkmann starb vor 30 Jahren

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So viel geballte Wut gab es selten in der deutschen Literatur. „Wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre, würde ich Sie jetzt über den Haufen schießen“. Mit diesen Worten provozierte der noch junge Autor und Asphaltliterat Rolf Dieter Brinkmann Ende der 60er Jahre auf einer Podiumsdiskussion die Kritiker Marcel Reich-Ranicki und Harald Hartung.

Dabei war die verbale Attacke bei Brinkmann, der an diesem Samstag 65 Jahre alt geworden wäre, viel mehr als nur eine billige Pose. Hinter der aggressiven Vehemenz seiner Auftritte und Pamphlete verbarg sich ein sensibler Lyriker und Sprachartist, der in einem umfangreichen Werk seismographisch genau die Erschütterungen der Gegenwart aufzeichnete. Als Rolf Dieter Brinkmann vor 30 Jahren, am 23. April 1975, im Alter von nur 35 Jahren bei einem Autounfall in London ums Leben kam, schrieb Marcel Reich Ranicki in seinem Nachruf: „Die deutsche Literatur ist um eine Hoffnung ärmer.“

Seit den frühen 60er Jahren arbeitete der am 16. April 1940 im norddeutschen Vechta geborene Brinkmann als freier Autor. Aus der Enge der Provinz floh er zwei Jahre nach dem Tod der Mutter schon 1959, absolvierte zuerst eine Buchhändlerlehre in Essen und zog dann nach Köln. In rascher Folge erschienen Gedichtbände, Erzählungen, Essays und der schonungslose, stark autobiografisch geprägte Eheroman „Keiner weiß mehr“.

Brinkmann war ein Pop-Literat zu einer Zeit, als es den Begriff noch gar nicht gab. Zusammen mit seinem Freund Ralf-Rainer Rygulla rezipierte und übersetzte er amerikanische Underground-Autoren wie Williams S. Burroughs oder Frank O' Hara und veröffentlicht die wegweisende Anthologie „Acid - Neue amerikanische Szene“.

Anfang der 70er Jahre zog sich Brinkmann fast völlig aus dem von ihm verachteten Literaturbetrieb zurück. 1972 lebt er einige Monate als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom, die posthum erschienene, hoch artifiziell konzipierte Tagebuchcollage „Rom, Blicke“ speist sich aus den von Vereinsamung und Verbitterung geprägten Erfahrungen dieser Zeit.

Auch Brinkmanns wichtigster Gedichtband „Westwärts 1&2“ erschien erst nach seinem Tod. Im Vorwort dieses gerade bei Rowohlt in einer erweiterten Ausgabe neu aufgelegten Bandes schreibt der Autor: „Was für Entzückungen, eine Straße entlangzugehen, während die Sonne scheint. Die Gedichte, die ich hier zusammengestellt habe, sind zwischen 1970 und 1974 geschrieben worden, zu den verschiedensten Anlässen, an den verschiedensten Orten, ob sie gut sind? fragst Du. Es sind Gedichte. Auch alle Fragen machen weiter, wie alle Antworten weitermachen. Der Raum macht weiter. Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier“.

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