Meisterwerk: Tankred Dorsts «Wüste» uraufgeführt

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Der Schlussbeifall für Tankred Dorsts „Wüste“ klang bei der Uraufführung im Dortmunder Schauspielhaus am Samstagabend eher höflich und respektvoll als begeistert.

Dorst war aus Bayreuth, wo er seine Inszenierung von Wagners „Ring“ vorbereitet, eigens nach Dortmund gekommen, nahm aber nicht gemeinsam mit dem Ensemble den Applaus entgegen.

Der Büchnerpreisträger ließ sich zu seinem Drama von der Biografie eines jungen französischen Aristokraten anregen, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts lebte. Charles de Foucauld ist vom Leben als Offizier in Nordafrika angewidert, er bricht die Disziplin, wird entlassen, findet aber auch in den Salons von Paris wenig mehr als Oberflächlichkeit. Offenbar vom Willen beseelt, das Leben tiefer auszuschöpfen, verlässt er seine Herrenrolle, identifiziert sich mit den unterworfenen Erniedrigten und Beleidigten, und geht schließlich in die Wüste, um dort in der Askese Erleuchtung zu suchen.

Dorst ist - in der „Wüste“ wie in seinem ganzen dramatischen Werk - zu skeptisch, als dass er die Erkenntnisse seines Helden für bare Münze nähme, doch teilt er offenbar dessen Kritik an einem oberflächlichen Hedonismus. „Die Wüste“ ist überdies eine Metapher für den Tod; die letzte Regieanweisung, die das Stück beschließt, lautet: „Der Sand begräbt alles.“ Dorst wird in diesem Jahr 80; sein Schauspiel wirft die Frage auf: Wie soll man angesichts des Todes leben?

Hermann Schmidt-Rahmer entfernt sich bei seiner Uraufführungsinszenierung weit vom Originaltext. Während der Autor das Schauspiel sozial und zeitlich genau verortet, neigt der Regisseur zur Abstraktion. Das Rätselhafte erscheint überbetont. Während Dorst dem Zuschauer Brücken zum Verständnis seiner collagierten Szenen baut, reißt der Regisseur eben diese Brücken zu oft wieder ein.

Die Schauspieler treiben die Figuren nicht selten teils ins Artifizielle, teils in die Karikatur. Dadurch verlieren sie an Wiedererkennbarkeit - im Publikum kann sich kaum jemand mit Gestalten auf der Bühne identifizieren, sind sie doch Zerrbilder. Damit wird eine zentrale Wirkungsabsicht Dorsts behindert. Harald Schwaiger in der Titelrolle stellte in den Anfangsszenen weniger einen gelangweilten jungen Mann aus der französischen Hocharistokratie dar, der seinem militärischen Vorgesetzten aus Übermut Streiche spielt, als einen Schauspieler unter Hochdampf.

Trotz unübersehbarer Verzeichnungen bei der Uraufführungsinszenierung blieb deutlich: Dorst ist auf der Höhe seines Schaffens, „Die Wüste“ ein Meisterwerk voller Altersweisheit, Nachdenklichkeit, Skepsis und Humor.

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