Lars Noréns «Krieg» zum ersten Mal auf Deutsch

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Lars Norén, der wohl bedeutendste Dramatiker Schwedens in der Gegenwart, greift in seinem neuen Schauspiel „Krieg“ eines der brennenden Themen der Zeit auf. Das Publikum in den Godesberger Kammerspielen begrüßte die deutschsprachige Erstaufführung am Freitagabend mit lang anhaltendem, einhelligem Applaus.

„Krieg“ spielt irgendwo im Südosten Europas, in der Gegenwart nach einem Krieg. Eine Familie versucht zu überleben. Norén bezeichnet die Gestalten wie Spielfiguren mit Buchstaben. Die Mutter (A) hält ihren Mann (D) für tot und hat mit ihrem Schwager (E) ein Verhältnis angefangen. Die ältere Tochter (B) prostituiert sich und verdient so den Lebensunterhalt für die Familie, ihre jüngere Schwester (C ) hat Angst, Wasser zu holen, weil sie einen Überfall fürchtet. Männer ziehen kleine Mädchen vor, weil die Gefahr, sich mit Krankheiten anzustecken geringer ist.

Die Handlung setzt ein, als D überraschend nach Haus zurückkehrt. In der Exposition scheint die Misere ausweglos. Die Meisterschaft Noréns erweist sich, wenn die widersprüchlichen Interessen innerhalb der Familie dramatische Dynamik gewinnen. Der Vater erhebt Ansprüche auf seine ehelichen Rechte, seine Frau wendet sich von ihm ab. In der Gefangenschaft hat D sein Augenlicht eingebüßt. Er kann seiner Familie nicht helfen, sie nicht beschützen - im Gegenteil: Er ist eine Last, muss mit Essen und Obdach versorgt werden. E, der Rivale um die Zuneigung seiner Schwägerin, erwägt Lösungen des Problems - Norén erinnert an den biblischen Grundkonflikt von Kain und Abel.

Lars Norén wirft, ganz in der Tradition seines großen Vorgängers, des schwedischen Dramatikers August Strindberg, die Frage auf, ob die Verhältnisse die Misere der Menschen begründen, oder ob sie selbst dafür verantwortlich sind. Endgültig beantwortet wird die Frage nicht. Klaus Weise legt in seiner Erstaufführungsinszenierung nahe, dass die unüberbrückbaren Interessengegensätze zwischen Mann und Frau, Bruder und Bruder, Schwester und Schwester, Eltern und Kindern metaphysische Determinanten sind, Fehler der Schöpfung, die Menschen nicht überwinden können.

Norén reduziert die Mittel, beschränkt sich auf das Wesentliche. Das Ensemble verfehlt mitunter Noréns lakonischen Ton, Manfred Blößers symbolistisches Bühnenbild trifft zwar die Allgemeinheit von Ort und Zeit, wirkt aber mit seiner Farbgebung - grün und lila - allzu opernhaft-üppig. Im Kern hat Norén mit „Krieg“ ein leidenschaftliches Anti-Kriegsstück geschrieben - diese Leidenschaft des schwedischen Meisters fehlt der Erstaufführung.

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