Männer sind die neuen Herren in der Küche

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Früher herrschten in der Küche klare Verhältnisse. Die Frau stand am Herd, die Aufgabe des Mannes erschöpfte sich darin, ab und an den Deckel eines Kochtopfes zu lüpfen. Inzwischen ist dieses Ritual fast nur noch in alten Spielfilmen zu beobachten.

Die Frauen ziehen sich immer weiter aus ihrem angestammten Reich zurück, die Männer rücken entschlossen nach. Für diese Entwicklung gibt es zwei Gründe, erklärt Peter Mecklenburg aus Kiel, Autor des Buches „Warum Männer nichts anbrennen lassen“ (Verlag Rütten & Loening, 15 Euro, ISBN 3-352-00695-4): Zum einen seien Männer gezwungen, zum Kochlöffel zu greifen, weil ihre emanzipierten Frauen zunehmend die klassischen Dienstleistungen verweigerten. „Zum anderen haben Männer erkannt, dass sie damit Ruhm ernten können.“

Liebe geht durch den Magen. Diese alte Weisheit gilt unverändert, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Wer eine Frau bei der ersten Verabredung mit einem raffinierten Menü bekocht, beweist mehrere Tugenden auf einen Schlag: Aufmerksamkeit, Weltläufigkeit und - mit Champagner als Aperitif und Austern als Vorspeise - wirtschaftliche Potenz. „Kochen ist Blenden mit anderen Mitteln“, so Mecklenburg.

Manche Männer gehen noch einen Schritt weiter. Sie lassen einen Koch nach Hause kommen und geben dessen Schöpfungen als die eigenen aus. Mietkoch Dirk Raddatz wurde in solche Täuschungsmanöver noch nicht eingespannt. „Aber ich habe davon gehört.“ Zu den Angeboten des Berliners zählt exklusiver Einzelunterricht im heimischen Rahmen, ein Service, der mit 200 Euro pro Abend etwas teurer ausfällt als ein Volkshochschulkurs. Raddatz schätzt den Anteil seiner männlichen Schüler auf 70 Prozent.

Bei garantiert 100 Prozent liegt die Männerquote im „CC-Club Kochender Männer“. Der 1960 gegründeten Bruderschaft, als die sich der Club versteht, gehören heute rund 1400 Mitglieder an. „In der Regel trifft man sich einmal im Monat, um zusammen zu kochen“, sagt Sprecher Werner Berger aus Bissendorf bei Osnabrück.

Wie in einer ordentlichen Bruderschaft gelten auch im CC-Club strenge Regeln und Hierarchien. Wer sich durch die Zubereitung eines gehobenen Omeletts als aufnahmewürdig erwiesen hat, nimmt zunächst den Rang eines „Apprentis“, eines Lehrlings, ein. Dem Aufstieg zum „Chef“, „Maitre“ oder „Grand Maitre“ mit entsprechenden Abzeichen an der weißen Weste sind weitere Prüfungen vorgeschaltet.

Das Beispiel der Bruderschaft zeigt: Männer kochen anders. Bei Frauen steht dabei traditionell die Versorgung der Familie im Vordergrund, weshalb viele die Arbeit am Herd als eher lästige Pflicht sehen. Für Männer geht es dagegen um Selbstverwirklichung. Viele verstehen die Küche als Fortsetzung des Hobby-Kellers mit anderen Mitteln.

Dankbar, ihrem früheren Gefängnis entronnen zu sein, lassen die Frauen die Männer gewähren. Wenn sich gelegentlich Ärger über die neuen Kräfteverhältnisse in der Küche entlädt, dann eher milde: „Früher war es ziemlich einfach, in die Endrunde zu kommen, aber dann durften Herren mitwirken“, beklagte sich kürzlich eine Teilnehmerin am Kochwettbewerb der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Schluss mit lustig, kochende Männer sind perfektionistisch, akribisch und von grimmigem Ehrgeiz beseelt. Und natürlich besser als ich.“ Tatsächlich waren zwei Drittel der Endrunden-Teilnehmer männlich.

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