Juschtschenko erneut in Wiener Klinik

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Der ukrainische Oppositionsführer Viktor Juschtschenko hat sich überraschend zur Nachbehandlung seiner rätselhaften Erkrankung in eine Wiener Privatklinik begeben. Er hatte schon im September drei Wochen wegen der Erkrankung in der Klinik verbracht, die sein Gesicht schwer entstellt hat.

Er selbst führt dieses Leiden auf eine Vergiftung im Auftrag der Behörden zurück. Wenige Tage nach dem politischen Kompromiss in der Ukraine schlug die Regierungsseite einen scharfen Ton im Präsidenten-Wahlkampf an. Sein Rivale Viktor Janukowitsch beschimpfte ihn am Freitag als „Feigling und Schwätzer“.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat nach eigenen Angaben keine Einwände gegen eine Annäherung der Ukraine an die Europäische Union. Russland „wäre froh darüber, wenn die EU die Ukraine aufnähme“, sagte Putin nach einem Treffen mit dem spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero in Moskau. Noch zu Wochenbeginn hatte Putin eine Einmischung des Westens in die inzwischen beigelegte ukrainische Staatskrise beklagt.

Juschtschenko erklärte, er rechne mit einer fairen Abstimmung bei der Stichwahl am 26. Dezember. Die Änderung des Wahlgesetzes und die Neubesetzung der Wahlleitung hätten dafür die Voraussetzungen geschaffen. „In aller Bescheidenheit rechne ich mit einer Unterstützung von mehr als 60 Prozent“, betonte er.

Janukowitsch sagte zu einem Angebot Juschtschenkos für ein öffentliches Streitgespräch, er sei bereit, „mit diesem Feigling und Schwätzer“ jederzeit zu diskutieren. Das Oberste Gericht hatte in der Vorwoche nach Vorwürfen massiver Wahlfälschung den Sieg Janukowitschs mit angeblich 49,5 Prozent für ungültig erklärt.

Juschtschenko sagte vor seiner Abreise nach Wien, nach seiner Erkrankung vom September befinde er sich wieder „in normaler körperlicher Verfassung“ und sei auf dem Weg zur vollständigen Genesung. Er bekräftigte, er sei überzeugt, dass seine Erkrankung auf eine Vergiftung zurückzuführen sei. Es sei „zweifellos geplant gewesen, mich zu ermorden“. Die Regierungsseite weist die Vorwürfe zurück. Die Wiener Klinik Rudolfinerhaus wollte eine Vergiftung bisher weder bestätigen noch ausschließen. Die Ärzte erwarten sich von der Auswertung neuer Blutproben Aufschluss über die Krankheitsursache. Der Chef der Klinik, Michael Zimpfer, bestätigte am Abend das Eintreffen Juschtschenkos.

Der Oppositionschef sendete ein Versöhnungssignal an die Großunternehmer des Landes, die bisher mehrheitlich Janukowitsch unterstützten. „Die ukrainische Wirtschaft ist zu 99 Prozent ehrlich“, sagte er. Nach Ansicht Kiewer Beobachter fürchteten die Wirtschaftsbosse, der reformorientierte Juschtschenko könnte unter anderem die umstrittene Privatisierung neu aufrollen. Juschtschenko sagte, nur bei absolut illegalen Privatisierungen solle es eine Revision geben. Seine Mitstreiterin Julia Timoschenko hatte immer wieder angekündigt, Steuerschlupflöcher zu stopfen und „Ordnung in der Wirtschaft“ zu schaffen.

Die am Mittwoch im Parlament beschlossene Kompromisslösung mit einer Verfassungsänderung, die die Macht des Präsidenten beschneidet, scheint die Gefahr einer Abspaltung der Ostukraine gemindert zu haben. Auf einer Gebietsversammlung in Donezk wurde am Freitag die Empfehlung ausgesprochen, bis auf weiteres die Vorbereitung von Volksabstimmungen über mehr Autonomierechte einzustellen.

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