Um diese Lindauer durfte damals niemand trauern

Lesedauer: 8 Min

LINDAU - In der Peterskirche hängt eine Tafel für die 17 Opfer des Nazi-regimes aus Lindau. Um sie durfte damals nicht öffentlich getrauert werden. Heute spricht man kaum mehr von ihnen. Aber hinter jedem Namen auf dieser Tafel steht ein viel zu kurzer Lebenslauf, ein leidvolles Schicksal. Stadtrat Hermann Dorfmüller weiß mehr.

Der Erste, der den Naziterror nicht überlebte, war Julius Herzberger. Als rassisch Verfolgter und engagierter Antifaschist musste er sich bereits 1933 vor der Gestapo in Sicherheit bringen. Er hat sich 1934 in Ascona in der Schweiz das Leben genommen. Seine Frau Cäcilie zog 1939 von Lindau zu ihrer Schwester nach Reichenbach im Eulengebirge. Sie ist in Auschwitz verschollen. Anton Gies, nach dem jetzt eine Straße im Gewerbegebiet benannt werden soll, hat in einer Schönauer Wirtschaft den Mund nicht gehalten, den Überfall auf Polen verurteilt und Deutschland eine Niederlage vorhergesagt. Er ist deswegen denunziert, verhaftet und schließlich ins KZ Sachsenhausen gebracht worden. 1940 kam er dort um.

Georg Meyer wurde im Jahre 1936 in Kaufbeuren Opfer der Euthanasie, ebenso im Jahre 1940 Johann Miller. Außer dieser Tatsache ist von ihrem Schicksal nichts bekannt. Ferdinand und Clara Weil hatten ein Textilgeschäft an der Ecke Ludwigstraße/Salzgasse. Eines Tages wurden sie, von einem Stadtpolizisten eskortiert, in einen Zug gebracht. Es hat lange gedauert, bis wir ihr Schicksal, nach dem praktisch nie jemand gefragt hatte, aufklären konnten: Ferdinand Weil kam, nach Wien deportiert, 1941 dort ums Leben. Seine Frau ist eines der Tausenden von Opfern, über die nie Buch geführt wurde. Sie ist im Judenlager Milbertshofen wohl 1945 ums Leben gekommen. Dr. Ernst Schlumberger hat seine Frau Käte, eine Jüdin, in Berlin geheiratet. Mit andauernden Schikanen versuchte die Gestapo, ihn dazu zu zwingen, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Die Familie mit ihrer 15-jährigen Tochter Beate sah im Jahre 1942 nur noch den Freitod als Möglichkeit zusammenzubleiben.

Gipfel des Zynismus

Karl Fackelmayer war Soldat an der Ostfront. Er verteilte unter seinen Kameraden Flugblätter gegen den Krieg. Dafür wurde er 1943 standrechtlich erschossen. Der Familie wurde - Gipfel des Zynismus - erlaubt, ihn als Gefallenen zu betrauern.

Emil Spiegel hatte mit seiner Frau Clothilde zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Textilgeschäft von Max Spiegel in der Cramergasse übernommen. Ihre Tochter Martha wurde 1942 von der Gestapo verschleppt. Sie wurde 1943 im Vernichtungslager Treblinka umgebracht. Im selben Jahr wurden ihre Eltern abgeholt. Auch sie erlitten im selben Jahr dasselbe Schicksal.

Alois Huber machte nie einen Hehl aus seiner oppositionellen Gesinnung gegenüber dem Naziregime. Beim Arbeitsdienst in Kandel in der Pfalz wurde er 1934 vom dortigen Arbeitsdienstführer wegen oppositioneller Aktivitäten angezeigt und wegen angeblichen Landesverrats zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Verbüßung der Haft wurde er ins KZ Dachau verschleppt. Er weigerte sich standhaft, Namen von antifaschistischen Freunden zu verraten und kam 1942 ins KZ Flossenbürg. Zehn Jahre hat er als Häftling der Nazis überlebt. Gnadengesuche seiner Mutter und Hilfsersuchen bei den Lindauer Nazigrößen, Kreisleiter Vogel und Bürgermeister Dr. Euler, blieben erfolglos. 1944 ist Alois Huber umgekommen.

Iwan Pacyk war kein Lindauer, sondern mit seinen 16 Jahren bereits als Zwangsarbeiter auf einen Bauernhof in Motzach verschleppt worden. Auf diesem Bauernhof arbeitete auch ein vom Reichsarbeitsdienst verpflichtetes junges Mädchen aus Oberschwaben. Als dieses sich unerlaubterweise mit dem Fahrrad auf den Heimweg machte und von der Polizei kontrolliert wurde, gab sie an, Pacyk habe ihr nachgestellt. Dieser wurde verhaftet, verhört und schließlich trotz Fürsprache der Bauernfamilie oberhalb des Klosterweihers erhängt. Erich Seisser, verheiratet mit Charlotte Brougier, musste, da er Jude war, das Schloss Holdereggen für einen Spottpreis an die Stadt Lindau verkaufen. Auf dem Grabstein der Familie Brougier steht sein Name: "Erich Seisser, geboren am 26. Juni 1899 in München, gestorben 22. Januar 1945 in Brandenburg. Als ein Opfer der Zeit der Irrungen musste er sein Leben lassen". Der Name Rosi Gutensohn steht nicht auf der Tafel. Auch sie war ein Opfer der Euthanasie und wurde ebenfalls in Kaufbeuren umgebracht.}

Feierlichkeiten für die Opfer der Weltkriege

LINDAU/BODOLZ/WASSERBURG (lz) - Zum Volkstrauertag am Sonntag, 14. November, gedenken Bevölkerung und Vertreter der Gemeinden der Opfer der Weltkriege mit Kranzniederlegungen und Gedächtnisfeiern.

Vor der Lindauer Kriegergedächtnisstätte, bei der Peterskirche am Oberen Schrannenplatz, findet am Sonntag, 14. November, um 11 Uhr eine Totengedenkfeier mit anschließender Kranzniederlegung statt. Es singt der Chor Eintracht Liederhort und die Lindauer Bläsergruppe spielt. An der Feierlichkeit nehmen Oberbürgermeisterin Petra Seidl, der Verband der Kriegsbeschädigten, der Bund der Vertriebenen, der Heimkehrerverband, die Abordnung der Bundeswehr aus Sonthofen und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge teil. Vorher, um jeweils 10.15 Uhr, finden in den Stadtteilen mehrere Kranzniederlegungen an Kriegergedächtnisstätten statt: im Alten Friedhof, vor dem Reutiner Rathaus, in Oberreitnau und Unterreitnau.

Ebenfalls am Sonntag, 14. November laden die Gemeinden Bodolz und Wasserburg zu den Feierlichkeiten zum Volkstrauertag ein. Treffpunkt der Ortsvereine zum Kirchgang ist um 9.30 Uhr beim Hotel Lipprandt. Die Gottesdienste beginnen jeweils um 10 Uhr in der katholischen Kirche St. Georg und in der evangelischen Kirche St. Johannes. Die anschließende Gedenkfeier findet am Kriegerdenkmal statt, bei schlechtem Wetter in der Kirche St. Georg auf der Halbinsel.

Kommentare werden geladen