Orchester im Spülgang: Köberle lässt die Fluten rauschen

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MARKDORF - Bach ohne Orgel in Markdorfs Pfarrkirche war angesagt, das Publikum strömte. Die "Musikfreunde Markdorf" nebst der "Sinfonietta" und die Dornier-BSG "Chor und Instrumentalmusik" hatten sich wieder zu einem Joint Venture entschlossen, sichtbar vergnüglich unter der Leitung von Uli Vollmer.

Von unserer Mitarbeiterin Gunhild Kreutzmann-Sachweh

Gleich fünf Gesangssolisten, sämtlich am Bodensee daheim, aber gleichwohl weltweit begehrt, unterstützten das Projekt: Und die heimische Musiklehrergilde - vertreten diesmal durch Nicholas Charkviani, der aus der weiten Welt (Tbilissi, Georgien) nach Markdorf kam - ließ es sich nicht nehmen, gleichfalls mit einem Beitrag zu glänzen.

An den Anfang setzten die Ensembles BWV 227, die Motette "Jesu meine Freude". Der Choral von Joh. Frank ist jedem Protestanten von Kindesbeinen an vertraut. Ganz so strenge wie die tugendhaften, weltverachtenden Kirchenmusikreformer seiner Zeit konnte es und wollte es Johann Sebastian Bach nicht halten. Das kleine Orchester war also angenehm und tat seinen Dienst zum Lobe Gottes nach Leibeskräften. Der Chor ging hingebungsvoll auf im cantus firmus der Choralmelodie, die Bach mit steigenden Strophenzahlen immer kunstreicher variierte und gelegentlich fast ganz versteckte. Teils brillierte der Chor in unendlichen Gesanglinien damit, teils war nun den Solisten Gelegenheit gegeben, ihrerseits Stimmgewalt, Glanz und Tragfähigkeit ihres Organs unter Beweis zu stellen: Dorothea Randecker, Astrid Bernius (beide Sopran) und Ulrike Clausen-Köberle, Alt, schienen aus dem Chor der Engel herabgestiegen. Später fand Bach die Kombination der Altstimme mit den beiden Männerstimmen (Ulrich Köberle, Tenor und Hermann Locher, Bass) dem philosophischen Text angemessener, und danach hatte das gesamte Quintett dem Chor partienweise zu korrespondieren, ihn zu unterstützen, zu bekräftigen.

Keine leichte Sache. Eine Ruhepause für die Protagonisten empfahl sich, die klug mit Tommaso Albinonis Oboenkonzert D-Dur ausgefüllt wurde. Albinonis Werke erfreuten sich vorzüglicher Schätzung bei seinem Zeitgenossen Bach: Markdorf erlebte sozusagen wie im Spiegel den Zauber der Entstehungszeit. Nicholas Charkviani gab den drei Sätzen anrührende Wärme und Leuchtkraft; die Sinfonietta assistierte ebenso professionell wie anmutig.

Danach folgte man dem Pfad der Weiterentwicklung in der Komposition religiös-liturgischen Materiales im Sinne von Bachs Freund Salomon Frank. Aus seiner Feder floss der Text zur Kantate "Ich hatte viel Bekümmernis", BWV 21. Ob er so recht viel Freude an Bachs Vertonung hatte, können wir nur ahnen - weil er ihm weitere Texte schrieb.

Denn unendlich facettenreich beschwören die Worte Leid, Trostlosigkeit, Verlassenheit, Zweifel, Ohnmacht, Depression, doch die Musik scheint all das sozusagen im Rückblick zu rekapitulieren: Sie triumphiert von Anfang an. Schon nach den ersten Worten lässt der Chor keinen Zweifel daran, wie die Sache ausgehen wird: mit Jubel und Lobpreis. "Bäche von gesalznen Zähren, Fluten rauschen stets einher" - Ulrich Köberle ließ sie rauschen, dass man befürchtete, das Publikum würde von ihnen zum Kirchenschiff hinausgespült.

Trost kündigte sich an, als der Bass, der Erlöser, sich endlich einmischte in kräftigendem therapeutischem Widerspruch zum verzweifelten Sopran. Als dann die Zufriedenheit ihre Flügel breitete, lässt der Chor sie so in vegetabiler Sanftheit säuseln wie in der berühmten Notenbüchlein-Arie: die Solisten reagieren stark, entschieden, bis am Ende alles zusammenrauscht im Halleluja.

Halleluja und Beifall rauschen

Der Beifall rauschte gleichfalls, entsprechend begeistert, alle durften Lob und Anerkennung gerührt entgegennehmen, nur den Wink fürs Orchester - zum Aufstehen - vergaß der gestresste Dirigent. Aber klar, für das Auditorium herzlichen Dank bedurfte es dessen nicht extra.

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