"Hauen macht mehr Spaß"

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WANGEN. Beim Kampfabend des Wangener Boxclubs gegen die Estland-Auswahl wird morgen Christian Wallot nachträglich für seinen 100. Kampf geehrt. Seine Einsätze gehören immer zu den Höhepunkten des Abends.

Von unserem Redakteur Berthold Rueß

Sechs Titel als Baden-Württemberg-Meister, Bronze bei der Deutschen Meisterschaft (Sven Ottke verhinderte dabei edleres Metall) und 20 Kämpfe für die Nationalstaffel, dabei nur eine Niederlage, stehen auf Wallots Habenseite. Üblicherweise spart man sich die Highlights für den Schluss auf. Zum ersten Mal muss der 22-Jährige morgen den Eröffnungskampf bestreiten, weil er direkt im Anschluss gut 800 Kilometer mit dem Auto nach Düsseldorf -Velbert zurücklegen muss: Dort steigt er in Diensten des Bundesligisten in den Ring. Gegner ist dabei kein geringerer als der Deutsche Vizemeister Tino Gross, der sich vor zwei Wochen beim Chemie-Pokal gegen die Weltspitze durchsetzt hat.

Trotzdem wollte Christian Wallot seinem Heimatverein keinen Korb geben, für den der gebürtige Memminger seit 1995 über 100 Kämpfe bestritten hat - 102 oder 103, das weiß er selbst nicht mehr ganz genau. Dabei hat er sich bei den Gegnern ebenso unbeliebt wie bei den Boxfans beliebt gemacht. Die meisten seiner Kämpfe gehen nämlich nicht über die volle Distanz, werden eher durch Aufgabe oder K.O. zugunsten des Wangeners entschieden. "Hauen macht mir mehr Spaß, und den Leuten auch" versichert der athletische Versicherungskaufmann. Das gebe ihm ein "schöneres Gefühl" als ein Gewinn durch Urteil. Deswegen sei Henry Maske auch nie sein Lieblingsboxer gewesen. Früher habe er sich mehr um die Boxtechnik bemüht - mit der Konsequenz, dann auch wegen des gegnerischen Heimvorteils zu verlieren. Vorsichtig ist er nur, wenn auch der Gegner ein harter Brocken ist - dann zieht Wallot das gesichtsschonendes Kampfrichterurteil vor.

Zweimal pro Woche trainiert Christian Wallot am Sandsack und gegen Sparringpartner. Auf den Sparring legt er aber keinen besonders großen Wert mehr, zumal er genügend Kampferfahrung gesammelt hat. Lieber läuft er an den übrigen Tagen der Woche zusammen mit seinem Hund: "Es gibt nichts schöneres als Joggen". Ab und an tummelt er sich auch mit dem Snowboard auf der Piste, "um auch noch irgendwas anderes zu " und auch mit der Freundin etwas zu unternehmen. Die geht nach anfänglichem Widerwillen jetzt auch zu seinen Kampfabenden: Sie hat mittlerweile Vertrauen in mich". Das Kampfgewicht ist für den 81-Kilogramm-Athlet kein Problem. Früher habe er nmoch fünf, sechs Kilogramm in einer Woche gut gemacht, um im Mittelgewicht starten zu können. Das tut er sich heute nicht mehr an, auch wenn er es mit stärkeren Gegnern zu tun hat.

Für ein weiteres Jahr hat ihn der BC Wangen an den Bundesligisten Düsseldorf- Velbert "ausgeliehen", und für das nächste Jahr hat Wallot schon wieder ein Angebot auf Vertragsverlängerung. "Das ist der Verein, der am meisten zahlt" freut sich der Wangener über seinen Marktwert. Bei Velbert verdient er mehr als in seinem Beruf als Kundenbetreuer, und der Verein zahlt ihm und seiner Freundin für seine Einsätze den Flug samt Übernachtung.

Dabei gibt es den Spaß gratis dazu. Boxen ist für den Wangener nämlich der schönste Sport, den er sich vorstellen kann. Sieben Jahre lang hat er auch Fußball gespielt, wollte aber nicht länger nur ein Teil einer Mannschaft sein. Der Faustkampf Mann gegen Mann ist für ihn der fairste und gerechteste Sport. Und im Falle Wallots ist der Sieg meist eine klare Angelgenheit. Dabei hat er nach seinen über 100 Einsätzen immer noch Lampenfieber, was aber der Konzentration nur zuträglich sei: "Sobald der Gong da ist, ist man ganz bei der Sache". Da mache es keinen Unterschied mehr, vor leerer Halle oder vor 20000 Besuchern zu boxen. Allenfalls ganz bestimmte Stimmen, etwa der Freundin oder des Trainers, dringen noch ins Bewusstsein.

Wie es weitergeht, entscheidet sich für Wallot erst bei der Deutschen Meisterschaft: "Wenn ich eine Medaille hole, werde ich Profi". Dies würde für ihn samt Freunden den Umzug nach Frankfurt/Oder bedeuten. Dort sitzt der Boxpromoter Sauerland. Und wenn es nicht klappt ? "Dann schau ich, dass ich es in der Bundesliga als Amateur gut schaffe".

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