Der 20. Juli 1944: Sippenhaft für die Familie Stauffenberg

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SIGMARINGEN/REGION (sz) - Die Turbulenzen, die das Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 auslöste, wirkten sich auch an der oberen Donau aus. Betroffen von Sippenhaft und Beschlagnahme ihres Vermögens war auch Friedrich Schenk Freiherr von Stauffenberg (1908 bis 1982) in Wilflingen.

Von unserem Mitarbeiter Dr. Otto H. Becker

Über die Ereignisse im Anschluss an das Attentat schrieb Pfarrer Franz Neuburger in der Wiflinger Pfarrchronik: "Der Attentäter ist ein entfernter Verwandter der hiesigen Patronatsherrschaft und Träger gleichen Namens: Stauffenberg. Als die Herrschaften am Morgen des 21. Juli durchs Radio die Meldung vom Attentat und den Namen des Attentäters hörten, befürchteten sie sofort das Schlimmste für ihre Familie. Nach wenigen Stunden betraten eine größere Anzahl von Gestapo-Beamten aus Stuttgart ihre Wohnung und nahmen nach einem kurzen Verhör sämtliche anwesenden Bewohner des Schlosses und Forsthauses, auch die zufällig anwesenden Gäste, in Haft. Die Verhafteten wurden sofort ins Gefängnis nach Hechingen verbracht."

Unter den Verhafteten befand sich auch die Gemahlin des Schlossherrn, Mechthild Freifrau Schenk von Stauffenberg, geborene Gräfin Adelmann von Adelmannsfelden. Nicht behelligt wurden jedoch die drei Kinder des Ehepaares. Diese blieben, wie Pfarrer Neuburger berichtet, bei ihrer Kinderschwester. Am folgenden Tag begaben sie sich nach Leutkirch im Allgäu. Über die Atmosphäre in Wiflingen berichtet der Chronist: "Im Dorfe herrschte ob dieser Ereignisse eine gedrückte Stimmung. Im Schloss ließ sich die Gestapo nieder. Ständig waren zwei Beamte anwesend. Nur ganz vertrauten Personen gegenüber konnte man seine Meinung äußern. Niemand wagte seine innersten Gedanken betreff des Attentats zu offenbaren. Über jedem Einzelnen schwebte unsichtbar Gefängnis, Konzentrationslager oder Tod. - Es war gut, dass die Erntezeit kam und die Leute ganz von den Arbeiten auf dem Felde in Anspruch genommen wurden ..."

Am 9. September 1944 - Friedrich Schenk Freiherr von Stauffenberg und seine Gemahlin befanden sich immer noch in Sippenhaft - wurden Fürst Friedrich von Hohenzollern und sein Zwillingsbruder, Prinz Franz Josef von Hohenzollern-Emden, mit ihren Familien nach Wilflingen in Schutzhaft verbracht, um der nach Deutschland überstellten Vichy-Regierung unter Marschall Philippe Petain im Sigmaringer Schloss eine angemessene Unterkunft zu verschaffen. Nach den Plänen der Reichsregierung sollte im Wilflinger Schloss ferner der Führer der faschistischen französischen Volkspartei, Jacques Doriot, seinen Sitz nehmen. Dieser lehnte das Angebot jedoch schroff ab. Er begab sich vielmehr auf die Insel Mainau, von wo er ungestörter die Entmachtung der in Sigmaringen installierten "Französischen Regierungskommission für die Verteidigung der nationalen Interessen", betreiben konnte.

Stauffenberg wohnte im Forsthaus

Laut Pfarrchronik von Wilflingen wurden Baron Friedrich Schenk von Stauffenberg und seine Gemahlin im Oktober 1944 aus dem Gefängnis entlassen. Sie wohnten zuerst im Eisighof, dann im Forsthaus, dem alten Amtshaus, das später bekanntlich vom Schriftsteller Ernst Jünger und seiner Frau bewohnt wurde. Wie in der Chronik ausdrücklich festgehalten wurde, durfte der Eigentümer sein Schloss in Wilflingen nicht betreten.

Nach den Aufzeichnungen Pfarrer Neuburgers wurden Fürst Friedrich von Hohenzollern und sein Bruder am 1. November 1944 aus der Schutzhaft wieder entlassen. Danach begab sich der Fürst laut Tagebuch von Maximilian Schaitel zunächst zu seinem Schwager, dem Grafen Douglas, nach Schloss Langenstein. Später nahm der Fürst von Hohenzollern in seinem Landhaus in Krauchenwies Wohnung.

Wie aus der Wilflinger Pfarrchronik ferner entnommen werden kann, zogen anstelle der Mitglieder des Fürstlichen Hauses Hohenzollern eine Gruppe der Miliz der Vichy-Regierung im Schloss Wilflingen ein. Die Einheit, die vermutlich vorher im Schloss Krauchenwies stationiert war, verließ jedoch bereits Anfang Januar 1945 das Wilflinger Schloss. Kurz danach nahm der französische Ministerpräsident Pierre Laval, der sich mit Marschall Petain zerstritten hatte, mit seiner Umgebung dort seinen Sitz.

Im April 1945 notierte Pfarrer Neuburger in seiner Chronik: ,,Laval und sein Ministerium fliehen am 20. April weiter nach Süden. Die meisten deutschen Truppen verlassen das Dorf und eilen dem Allgäu und den Bergen zu ... Es wird totenstill im Dorf. Mit Spannung wartete man auf den Einmarsch der Franzosen. Am 25. April - Markustag - gegen 6 Uhr, kommen die ersten französischen Panzer von Sigmaringen her ..."

Das Wilflinger Schloss diente den französischen Truppen als Kommandantur. Der Schlossherr, Baron Friedrich Schenk von Stauffenberg, musste nach dem Zweiten Weltkrieg, wie seine Verwandten, noch lange Zeit um die Wiedererlangung seines von den Nazis beschlagnahmten Eigentums kämpfen.

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