Torpedos laufen in Richtung Schlosskirche

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Das Firmengelände der EADS hat eine lange Geschichte. Michael Ullmann, Mitarbeiter bei EADS, ist Autor zahlreicher Publikationen zum Thema "Die Deutsche Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg". Am Dienstag berichtete er in seinem Vortrag "Seewerk Immenstaad" von der Geschichte des Industriestandortes.

Rund 100 Besucher hörten sich die Ausführungen des passionierten Modellbauers an. Die Geschichte des Seewerks beginnt 1943. Damals suchte das Reichsluftfahrtministerium nach einem Standort, an dem Torpedos "eingeschossen", also auf einen einwandfreien Geradeauslauf eingestellt werden konnten. Dazu sollte das Gewässer im Winter eisfrei bleiben. Zudem musste ein sandiger Seeboden her, da sonst "Grundgänger", auf dem Grund aufgeschlagene Torpedos, zerstört worden wären.

Der Zeppelin-Konzern war zu diesem Zeitpunkt von der "Rüstungskonjunktur" in Friedrichshafen ausgeschlossen. Grund dafür war das gespannte Verhältnis der Reichsregierung zu Zeppelin. Es gab keine Aufträge an Zeppelin.

Hugo Eckener: "Leck am Heck"

Bezeichnend für diese Situation war beispielsweise Hugo Eckeners Antwort auf die Aufforderung, mit dem Zeppelin umzukehren, um emigrierende Juden auszuliefern: "Rückkehr unmöglich! Leck am Heck!".

Nach Kriegsbeginn 1939 gab Göring den Befehl, die verbliebenen Zeppeline abzuwracken, um das Metall und den Bespannstoff für den Flugzeugbau zu verwenden. Deswegen war Zeppelin bemüht, jeden möglichen Auftrag zu kriegen. Erklärbar wird hieraus auch das starke Engagement Zeppelins bei der Serienfertigung und Weiterentwicklung der V2-Rakete.

Geplant waren ein Torpedomontagewerk sowie ein Schießhaus, von dem aus die Torpedos ins Wasser geschossen werden sollten mit dazugehöriger Schießbahn. Das einzige Gelände am Bodensee, welches alle Bedingungen erfüllen konnte, lag östlich von Immenstaad. Das Anwesen des Schweizers Kisling, das sich auf dem heutigen EADS-Gelände befand, war für das Projekt von entscheidender Bedeutung. Es ragte am weitesten in den See und besaß eine vorgelagerte Sandbank. Das erleichterte den Bau der so genannten Mohle zum Schießhaus stark.

Da sich keine Einigung über einen Erwerb des Grundstücks erzielen ließ, wurde Kisling im März 1945 enteignet. Inmitten der Kriegswirren wurde dies jedoch nie rechtsgültig. Das Torpedowerk, das geplant pro Monat bis zu 1000 Torpedos herstellen sollte, wurde aufgrund der Kriegssituation nur eine Minimallösung.

Nichts lief wie geplant

Mehr als 80 Torpedos pro Monat wurden nie hergestellt. Gründe dafür waren eine veränderte Kriegssituation, Facharbeiter- und Materialmangel und die Bombenangriffe im März und April 1944 auf das Seewerk, welche ihren Tribut forderten. Bis zur französischen Besatzung im April 1945 wurden die Torpedos vom zum Schießschiff umgebauten Motorschiff "Österreich" aus getestet. Das geplante Schießhaus an der Mohle wurde nie fertig gestellt.

Die Teststrecke war sechs Kilometer lang und hatte eine Wassertiefe von zehn bis 40 Meter. In regelmäßigen Abständen saßen Beobachter, die mit Flaggen signalisierten, wohin die Torpedos liefen. Statt Sprengladungen trugen die bis zu 60 Stundenkilometer schnellen Torpedos Zementgewichte. Die Franzosen nutzten die Torpedo-Einschieß-Anlage ab 1945 zunächst selbst, demontierten sie und brachten sie dann aber nach Südfrankreich. 1947 wurde die Mohle gesprengt. Elf Jahre später erwarb Claude Dornier das Gelände, um auf dem Werksgelände vorhandene Gebäude und Montagehallen für sein Unternehmen zu nutzen. Bis heute hat sich das Gelände des Seewerks durch Erweiterungs- und Neubaumaßnahmen stark verändert. }

Die Luftaufnahme zeigt das Seewerk von Dornier 1961 (drei Jahre, nachdem es Dornier gekauft hatte). Foto: pr

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