«Gralshüter» verhindern gemischtes Doppel beim «Warten auf Godot»

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Eine „Geschlechtsumwandlung“ der Rollen in seinem absurden Vier-Männer-Stück „Warten auf Godot“ hat sich Samuel Beckett (1906-1989) zu Lebzeiten strikt verbeten. Dass sich auch seine Erben strikt daran halten, musste jetzt - wie zuvor etliche Theater in aller Welt - die Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven erfahren.

Acht Tage vor der Premiere am Samstag hatte der S. Fischer Verlag, der die deutschen Aufführungsrechte besitzt, von dem Projekt erfahren. Kurzerhand untersagte er die Aufführung mit zwei Männern und zwei Frauen. Immerhin: Als Ersatz durfte mit Erlaubnis der Erben und Urheberrechts-Inhaber die Fassung des Regisseurs Philipp Kochheim (33) in der vorgesehenen Besetzung wenigstens gelesen werden.

Für 30 Sekunden wurde der Vorhang geöffnet und gab den Blick frei auf das ebenfalls von Kochheim entworfene Bühnenbild: Ein sparsam möbliertes Appartement mit Gefängnischarakter an Stelle eines kahlen Bäumchens auf einer ebenso kahlen Bühne, wie es seit mehr als 50 Jahren Standard fast aller Ausstattungen von „Godot“-Aufführungen ist. Vor dem wieder geschlossenen Vorhang nahmen frontal zum Publikum und streng nach Auflage ohne Blickkontakt zu einander die beiden Paare Platz. Sie traten sodann den kurzen und kurzweiligen Beweis an, dass „Warten auf Godot“ in einem gemischten Doppel hervorragend funktionieren kann.

Das ist nicht weiter erstaunlich. Denn schließlich gehören zu den Spielen, mit denen sich die Vagabunden Wladimir (Matthias Pantel) und Estragon (Katrin Rehberg) die Langeweile beim vergeblichen Warten auf Godot und den Sinn des Lebens vertreiben auch Mann-Frau-Klischee- Dialoge. Dafür bedurfte es keiner Textveränderungen, aber rigoroser Kürzungen. Pozzo (Stefan Ostertag) und sein Sklave Lucky (Sibylle Henning) sind dabei fast verstummt. Bei diesem Paar habe er in seiner Spielfassung Sprache durch Körpersprache ersetzt, erklärte Kochheim beim Publikumsgespräch nach der mit viel Beifall quittierten Lesung.

Mit der „Gralshüterei“, wie Landesbühnen-Intendant Gerhard Hess das Agieren der Erben nennt, müssen Regisseure noch eine Weile auskommen. Am 22. Dezember 2059, Becketts 70. Todestag, erlischt das Urheberrecht. Dann haben die Theatermacher, denen es wie Kochheim ausschließlich darum geht, einen „spannenden Theaterabend“ zu gestalten, freie Hand. Der Wilhelmshavener „Godot“ ist Kochheims vorläufiger Abschied vom Schauspiel und vom Einsatz als freier Regisseur. Als Opernchef in Darmstadt wird er in Zukunft Komponisten oder ihre Erben überzeugen müssen.

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