1979: Als Motörhead zu Superstars wurden

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Motörhead
Vor 40 Jahren setzten Motörhead zum Höhenflug an. (Foto: BMG/dpa / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Matthias Bossaller

1979 ist das vielleicht wichtigste Jahr in der Historie von Motörhead. Die Band von Rock'n'Roll-Ikone Lemmy Kilmister veröffentlichte vor 40 Jahren gleich zwei Alben: „Overkill“ und „Bomber“. Die beiden Klassiker begründeten Motörheads legendären Ruf als lauteste, dreckigste und gefährlichste Kapelle ihrer Zeit.

Kam die 1975 gegründete Band zu Beginn nur langsam in Fahrt, dienten „Overkill“ und sein Nachfolger „Bomber“ als Karriere-Beschleuniger. Das zweite und dritte Studioalbum läutete die erfolgreichste Zeit des Trios ein.

Mit „Overkill“ gelang Lemmy Kilmister, „Fast“ Eddie Clarke und „Philthy Animal“ Taylor erstmals der Sprung in die britischen Top-30-Charts. Wegen seiner Radikalität gilt das Brachial-Werk als Blaupause für die später einsetzende Speed- und Thrashwelle im Heavy Metal. Und mit der wenige Monate später erschienenen LP „Bomber“ setzten Motörhead den Triumphzug fort.

Zum 40-jährigen Jubiläum erscheint nun im Rahmen der Motörhead ‘79-Kampagne ein edel aufgemachtes Box-Set, das sich um diese beiden Meilensteine dreht. Beide Alben wurden von den originalen Master-Tapes remastert und auf 180 Gramm Vinyl gepresst. Dazu kommen zwei Doppel-Alben mit unveröffentlichtem Live-Material von den 79er-Touren der Band sowie eine Platte mit B-Seiten, Outtakes und Raritäten. Ein 40 Seiten umfassendes Magazin enthält Interviews und Fotos aus den späten 70ern, außerdem finden sich in der im Bikerjacken-Look gestalteten Box das Bomber-Tourprogramm und ein Overkill-Notenheft.

Für die Veröffentlichung wurde in den Privatarchiven der Bandmitglieder gestöbert. Viele damalige Mitglieder, Crew, Freunde oder Fans haben dabei zum Gelingen beigetragen, was sich in der Liebe zum Detail widerspiegelt. Es war immer der Anspruch des am 28. Dezember 2015 gestorbenen Lemmy, den Fans das Bestmögliche zu geben - und das ist mit diesen Reissues gelungen. Neben der Deluxe-Box gibt es von beiden Alben noch speziell aufgemachte Vinyl- und CD-Formate.

Das Jahr 1979 stand nicht nur im Zeichen der Veröffentlichung der beiden wegweisenden Klassiker „Overkill“ und „Bomber“, sondern war durch zahlreiche Massenunruhen und Streiks in Großbritannien geprägt. Einschneidende Sozialkürzungen der Regierung um die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher trieb die Menschen auf die Straße. Der knallharte Sound von Bands wie Motörhead oder Saxon, die gemeinsam auf Tour gingen, bot frustrierten Jugendlichen ein Ventil für ihre Aggressionen.

Motörhead holzten im März 1979 innerhalb von nur zwei Wochen „Overkill“ im Tonstudio ein. Im Zentrum der Scheibe steht der Titeltrack mit seiner donnernden Double-Bass-Attacke von Schlagzeuger Taylor. Bei der fünf Minuten und 14 Sekunden langen Vollgas-Bedienung drehten die Fans durch. So etwas hatte die Musikwelt bis dato noch nicht gehört.

Dabei entstand der Song mit seinem unbarmherzigen Schlagzeug-Einstieg eher aus Versehen. „Ich wollte immer schon mit zwei Bassdrums spielen“, erinnerte sich Drummer Taylor in der 2005er-Dokumentation „Motörhead: The Guts And The Glory“. Also schaffte er sich eine zweite Trommel an und kam immer ein paar Stunden vor den anderen in den Proberaum, um damit zu üben. „Ich war gerade dabei, dieses Riff zu trommeln und eigentlich nur meine Koordinationsübung zu machen, als Lemmy und Eddie reinkamen und meinten, ich solle bloß nicht mit dem aufhören, was ich da mache!“

Sänger Lemmy fiel für den Song die passende Einstiegszeile ein: „Only way to feel the noise / is when it’s good and loud.“ Laut und kompromisslos waren auch Kompositionen wie „Stay Clean“ oder „No Class“, die Scharen von Fans zu den Konzerten anzogen. „Overkill“ ist nach „Ace Of Spades“, dem größten Hit der Band, das zweitmeistgespielte Stück der Motörhead-Geschichte. Laut „Setlist.fm“ haben Lemmy und Co. den Song 1107 Mal dargeboten. „Ace Of Spades“ soll laut Liste 1202 Mal gespielt worden sein.

Mit dem Erfolg von „Overkill“ im Rücken ließen es Motörhead auf Tour ordentlich krachen. „Wir ließen wirklich nichts anbrennen - und waren sicher eine echte Plage für viele Veranstalter. Wir dekorierten unsere Garderoben oder Hotelzimmer um oder feierten Exzesse mit unserer Crew. Während eines Festivals in Finnland zündeten wir unseren Wohnwagen, der als Backstage-Garderobe diente, an und versenkten ihn in einem See“, erzählte Lemmy dem Magazin „Rockhard“. Der Veranstalter habe sich nicht an Abmachungen gehalten, begründete Mister Kilmister die Zündelei.

Motörhead hatten in Großbritannien den Durchbruch geschafft. Das zeigte sich auch daran, dass die Band in TV-Shows wie „Top Of The Pops“ eingeladen wurden. Das raubeinige Trio nutzte die für sie ungewöhnliche Bühne, um sich ordentlich daneben zu benehmen.

Die Plattenfirma Bronze wollte den Status der Band ausbauen und drängte auf einen baldigen Nachfolger von „Overkill“. Die Band tat ihr den Gefallen und ging nur wenige Monate später im Spätsommer 1979 ins Studio, um „Bomber“ einzuspielen. In den Londoner Roundhouse Studios saß erneut Produzent Jimmy Miller an den Reglern.

Der frühere Produzent der Rolling Stones hatte seine Heroin-Sucht nicht im Griff. Nicht nur einmal fand ihn die Band schlafend in seinem Stuhl oder auf der Toilette vor. „Wir dachten immer, dass wir schon sehr schlecht darin waren, pünktlich zu sein“, erinnerte sich Phil Taylor gegenüber dem englischen Musikjournalist Mick Wall: „Doch er kam manchmal einen halben Tag oder noch mehr zu spät, und seine Ausreden waren einfach wunderbar.“

Trotz der eingeschränkten Beteiligung des Produzenten zogen Motörhead die Aufnahme-Sessions durch und brachten „Bomber“ in die Läden. Im Vergleich zu „Overkill“ schneidet der Nachfolger bei den Kritikern schwächer ab. Volltreffer wie den Opener „Dead Men Tell No Tales“, ein Anti-Heroin-Stück, den Titelsong oder „Stone Dead Forever“ hat die Scheibe allemal zu bieten und verkauft sich in England mit über 300.000 Einheiten im Erscheinungsjahr besser als sein Vorgänger. Rückblickend kamen alle Beteiligten überein, dass man sich zu wenig Zeit für „Bomber“ gelassen hätte.

Live begeistern Motörhead neben ihrem erstklassigen Songmaterial mit ihrem spektakulärsten Bühnen-Aufbau aller Zeiten: Unter der Hallendecke hing der Nachbau eines Jagdbombers aus dem 2. Weltkrieg. Das bewegliche Aluminium-Requisit war zwölf Meter lang und schien im Sturzflug auf das Publikum zuzufliegen. Durch solche Konzert-Auftritte, TV-Shows und das ruppige Auftreten neben der Bühne waren Motörhead in aller Munde. Das einstmals von der Musik-Presse belächelte und für zu schlecht befundene Krach-Trio hatte sich zu Superstars gemausert.

Website Motörhead

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