1793 darf in Lindau ein jüdisches Paar auf traditionelle Weise heiraten

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Schwäbische Zeitung

LINDAU - Am 6. September findet zum zweiten Mal der Europäische Tag der jüdischen Kultur statt. Einen kleinen Rückblick auf die ehemalige jüdische Kultur in Lindau ermöglicht beispielsweise eine Hochzeit, welche 1793 in Lindau stattfand.

Es war ein deutliches Zeichen im Jahrhundert von Aufklärung und wachsender Toleranz sowie der rund um die Französische Revolution von 1789 in Bewegung geratenen Verhältnisse in Europa, dass es am 23. Juli 1793 selbst in der Reichsstadt Lindau möglich wurde, eine jüdische Hochzeit zu feiern. Hatte doch der Kaiser bereits 1559 ältere Beschlüsse der Stadt bestätigt, dass sich jüdische Menschen in der Stadt nicht mehr niederlassen durften.

Im Hof des "Gullmannschen Hauses" am Paradiesplatz 16, einst Haus des Stadtjuristen Daniel Heider, fand unter freiem Himmel die jüdische Hochzeitszeremonie statt. Die aus Hohenems stammende Braut und der Augsburger Bräutigam wurden von zwei Rabbinern aus der damals großen jüdischen Gemeinde in Hohenems getraut.

Die Trauung fand unter einem von vier Stangen getragenen Baldachin, der "Chuppa", statt. In Anwesenheit von zwei Trauzeugen vollzog der Bräutigam die eigentliche Trauung, die "Nissuin", allerdings ohne gegenseitiges und gleich berechtigtes Versprechen durch Frau und Mann. Er steckte der Braut einen Ring über den Zeigefinger und sprach: "Siehe, Du bist mir angetraut durch diesen Ring nach dem Gesetz des Mose und Israels." Danach wurde der bereits von beiden Zeugen unterschriebene Ehevertrag verlesen, bevor die Rabbiner die "Schewa Berachot", die sieben Segenssprüche über die Eheschließung, sprachen und eine Ansprache hielten. Zum Schluss zertrat der Bräutigam ein Glas, unter anderem in Erinnerung an die Zerstörung des jüdischen Tempels in Jerusalem durch römische Soldaten im Jahre 70 nach Christus.

Bereits am Vortag der Trauung hatte ein jüdischer Metzger für das Festmahl einen Ochsen koscher geschächtet und der Bräutigam der Lin\-dauer Schützengesellschaft drei Kronenthaler geschenkt sowie neun Gulden als Almosen gespendet.

Im benachbarten Gasthaus "Zum Schaaf", dem heutigen "Lamm" in der Schafgasse fand das Hochzeitsmahl statt, wo offensichtlich auch ein Großteil der Festgäste übernachtete. Das damalige "Lindauische Intelligenzblatt" hielt in der Gästeliste des "Schaafs" fest: "Herr Heinrich Uhlmann, nebst einer Gesellschaft jüdischer Handelsleute, 48 Personen aus Augsburg, Hohenems 28."

Die erste in Lindau tatsächlich wieder sesshafte jüdische Familie war die des 1813 in die Linggstraße 12 ziehenden Lottokaufmanns und Baumwollfabrikanten Jakob Alexandersohn aus München.

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