Ötzis Sterne sind verglüht

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DJ Ötzi begeistert bei seinen Konzerten (u.a. am 4. Oktober in Tuttlingen und am 6. Oktober in Kempten) noch immer die Fans. Max
DJ Ötzi begeistert bei seinen Konzerten (u.a. am 4. Oktober in Tuttlingen und am 6. Oktober in Kempten) noch immer die Fans. Maximilian Wallinger zählt allerdings nicht mehr dazu. (Foto: M. kuenster)
Schwäbische Zeitung
Maximilian Wallinger

Tanzboden-taugliche Plastikbeats, simple Sounds und eingängige Refrains? Ganz klar, es handelt sich um den wahren Meister des wohlplatzierten Stimmungselements „Wo sind die Hände“: DJ Ötzi.

Zu Après-Ski-Manier gehört Alko-Pop – ob aus der Flasche oder aus den Boxen. DJ Ötzi, der mit seinem eigentümlichen Mix aus Pop, Partyschlager und Volksmusik Nominierungen und Musikpreise scheffelte, zog auch meine jungen Stimmbänder in seinen Bann. Gerry Friedle, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, begeisterte mit Titeln wie „Anton aus Tirol“ eine ganze Generation und mauserte sich zu einem der bekanntesten Partysänger im deutschsprachigen Raum.

Zurzeit als pubertierender Bub zwischen Stimmbruch und erster Liebe, da waren DJ Ötzis „Sternstunden“ das Nonplusultra meiner Generation in Sachen Frohsinn. Die schlichten Akkordeon-Melodien vermischten sich ganz natürlich mit der rauen, durchdringenden Stimme meines musikalischen Idols und den Chören seiner treuen Fans zu permanenten, beharrlichen Ohrwürmern. Die mitreißenden Refrains strömten unaufhaltsam durch meine Gehörgänge und platzierten die gute Laune direkt auf meinen Stimmbändern. Auf dem Sofa wie auch in geselliger Runde.

Doch „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ verhalf dem Stimmbruch nicht gerade zu großem Erfolg. Genauso wenig wie „Die Fischerin vom Bodensee“ oder „Pronto Guiseppe“, die sich zum Leid meiner Eltern und der ganzen Nachbarschaft wie musikalische Querschläger pausenlos ihren Weg aus dem Kinderzimmer bahnten.

Bekanntermaßen nimmt aber selbst das schönste Märchen ein Ende. Trotz unbehelligtem Erfolg des sympathischen Naturburschen aus dem benachbarten Alpenland wählte sein treuester Fan – ich – seiner Gesundheit zuliebe den kalten und schnellen Entzug. Denn der gezwungen altmodische Sprachstil, vermischt mit durchaus zweifelhaften Anglizismen – das möchte ich meinem heutigen Ich nicht mehr zumuten. Hinzu kommt, dass nach langer Phase des Erwachsenwerdens die schleimig-romantischen Klischees und minderwertigen Anmachen meinen kultivierten Geschmack eher zum Kopfschütteln als zum Mitwippen bringen.

So bleibt mir heute nur noch die passable Erinnerung und ein sanftes Lächeln auf den Lippen, sowie ein „Pronto Guiseppe, Salute Seniorina, Oh mamma mia, hast du Kapital? Pronto Guiseppe, Salute Seniorina, Pizza Spaghetti, jeden Tag einmal.“ Wobei ich Pizza DJ Ötzi inzwischen vorziehe. Lebe wohl, Du Art Musik, die – wie viele Dinge im Leben – erst durch die Wahl des passenden Kaltgetränks richtig Spaß macht.

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