Ärztemangel im Südwesten - Lösungen dringend gesucht

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Immer mehr Ärzte suchen Nachfolger

Ärztemangel ist gerade im ländlichen Raum ein großes Thema. Immer mehr Hausarzt-Praxen schließen hauptsächlich aus Altersgründen. Nachfolger sind meist nicht in Sicht. Das Problem haben unter anderem auch Arztpraxen im Landkreis Heidenheim. Wie etwa Allgemeinmediziner Christoph Ströhle.

Landes-Korrespondentin

In Baden-Württemberg werden die Hausärzte knapp. Vor allem auf dem Land stehen Praxen leer. Landesweit fehlen 500 Allgemeinmediziner. Patienten müssen lange Wege in Kauf nehmen und warten oft Monate auf Facharzt-Termine. Mögliche Lösungen hat am Donnerstag der Landtag debattiert. Die Vorschläge im Überblick.

  • Die Ausgangslage

22 000 niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten praktizieren im Land, rund 5500 als Hausärzte. Doch jeder dritte Allgemeinmediziner ist über 60 Jahre alt und geht bald in Rente. Nimmt man die offiziellen Zahlen, ist dennoch kein Gebiet in Baden-Württemberg unterversorgt. Der Grund: Eine solche Unterversorgung stellt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in einer Region fest. Diese heißt „Planungsbereich“ – die KV plant für diese Region, wie viele Arztsitze sie genehmigt.

Sie orientiert sich an Richtwerten. Ein Hausarzt soll in seiner Region für maximal 1670 Patienten zuständig sein. Das Problem: Gerade in ländlichen Regionen gibt es rechnerisch ausreichend Ärzte. Sie praktizieren aber in den Zentren oder weit über die Region verteilt – was zu langen Anfahrtswegen führt. Greta Schuler berät Patienten beim Sozialverband VDK. Sie hört täglich, dass es einen Ärztemangel gibt: „Menschen finden keinen neuen Hausarzt, sie müssen mehrere Monate auf Termine beim Facharzt warten oder sehr weit fahren“. Das gelte in Städten wie auf dem Land.

  • Die Landarztquote

Die CDU im Stuttgarter Landtag will zehn Prozent der Studienplätze im Land an junge Menschen vergeben, die sich vor dem Studium verpflichten, später auf dem Land zu praktizieren. Nordrhein-Westfalen will dieses Modell anwenden. Dafür gibt es aber in Baden-Württemberg kaum Befürworter. Weder der Regierungspartner von den Grünen noch die Oppositionsparteien unterstützen das Modell. Auch Krankenkassen und Ärzteverbände sind dagegen. Die angehenden Mediziner müssten sich zu früh festlegen, wo und was sie später arbeiten wollten.

Das führe zu Problemen. Außerdem kostet ein Medizinstudium etwa 200 000 Euro. Wer das Studium abbricht oder Prüfungen nicht besteht, müsste einen Teil der Summe zurückzahlen. Das würde Studenten benachteiligen, die wenig Geld haben – sie würden aus Furcht vor Rückzahlungen eine solche Landarztquote nicht nutzen.

  • Mehr Medizinstudienplätze

Derzeit gibt es 1500 Medizinstudienplätze pro Jahrgang. Die CDU fordert zehn Prozent mehr. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) signalisierte am Donnerstag, dass auch sie sich das vorstellen kann. „Das gibt es aber nicht umsonst“, sagte sie. Jeder neue Platz kostet 300 000 Euro. Die fallen zum Beispiel an weil die Studenten an teuren Geräten lernen. Außerdem will Bauer die Ausbildung zum Hausarzt an den Universitäten fördern, etwa durch Professuren und mehr entsprechende Studieninhalte.

  • Stipendien für Medizinstudenten

Das Land und die CDU-Fraktion finanzieren mit je 300 000 Euro ein Programm für Medizinstudenten. Wer mindestens im siebten Fachsemester ist, kann sich bewerben. Pro Monat gibt es 300 Euro, maximal für zwei Jahre. Die Stipendiaten verpflichten sich, sich nach dem Studium zu Hausärzten fortzubilden und sich mindestens fünf Jahre in einer Praxis auf dem Land niederzulassen.

  • Ärzte aufs Land locken

Baden-Württemberg die Niederlassung von Hausärzten in ländlichen Gemeinden mit bis zu 30 000 Euro. Rund 100 Praxen aus 19 Landkreisen wurden bis 2017 mit über 1,8 Millionen Euro gefördert. Die Kassenärztliche Vereinigung unterstützt Studenten, die sich auf Allgemeinmedizin spezialisieren und unterstützt Praxisgründungen oder -übernahmen auf dem Land.

  • Neue Arbeitsmodelle für Ärzte

Mehr als 60 Prozent der angehenden Ärzte sind Frauen. Und auch immer mehr Männer wollen mehr Zeit für die Familie. Doch die meisten Praxen werden nur von einem Arzt allein geführt – Teilzeit zu arbeiten ist da kaum möglich. Deswegen sollen landesweit Gemeinschaftspraxen oder ärztliche Zentren gefördert werden, die flexiblere Arbeitszeiten bieten.

  • Telemedizin

Baden-Württemberg hat als erstes Bundesland die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Ärzte Patienten auch per Video oder Chat am Computer beraten dürfen. Derzeit gibt es einen Testlauf für Patienten in Stuttgart und Tuttlingen, weiter werden in den kommenden Monaten starten. Vorteil: Patienten müssen nicht weit fahren und können je nach Krankheitsbild gezielt zu einem geeigneten Arzt geschickt werden. Kritiker pochen auf ausreichenden Datenschutz und warnen davor, den direkten Kontakt zum Patienten zu verringern.

Regionen unterschiedlich gut versorgt

Wie viele Ärzte in einer Region praktizieren, ist im Land sehr unterschiedlich. Während einige Gemeinden auf der Ostalb, rund um Tuttlingen und Sigmaringen seit Jahren keinen Arzt mehr haben, schaffen es andere, Ärztezentren zu betreiben. Das liegt auch daran, ob die Gemeinden es sich leisten können, selbst Geld in die Hand zu nehmen, um Mediziner zu unterstützen.

In Tuttlingen sind derzeit 17,5 Arztsitze für Allgemeinmediziner nicht besetzt, im Bereich Ostalb/Schwäbischer Wald 7,5, in Aalen zwei, in Sigmaringen und Biberach je fünf. Im übrigen Oberschwaben und am Bodensee sind meist ein bis zwei Hausarzt-Sitze frei. Rechnet man die Zahlen auf die Einwohner um, ist der Bereich Ostalb/Schwäbischer Wald das Schlusslicht im Land. Hier liegt die Versorgungsquote bei 76 Prozent – ideal wären 100 Prozent. In Freiburg dagegen gibt es mehr Ärzte pro Einwohner, als laut Richtwert nötig. Hier liegt die Versorgungsquote bei 140 Prozent.

Übersicht zur Ärztedichte im Bund

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