Fünf Menschen fahren im Oktober 2020 in einem Auto auf der B31 am Bodensee in Richtung Meersburg. Am Ende einer zweispurigen Strecke kommt das Fahrzeug ins Schleudern, gerät auf die Gegenspur, kracht in einen entgegenkommenden Lastwagen. Ein 12 Jahre alter Junge und ein 35-jähriger Mann im Wagen sterben noch an der Unfallstelle. Der 18-jährige Beifahrer stirbt wenig später im Krankenhaus. Die Fahrerin des Wagens und ein 11 Jahre altes Mädchen überleben schwer verletzt.

Nur Minuten, nachdem Polizei, Feuerwehr und Notärzte vor Ort sind und Leben retten wollen, steht ein Bericht zum schweren Unfall auf Schwäbische.de. Die Information dazu kam direkt von der Polizei. Die Nachricht wird per Push-Nachricht an Tausende Empfänger versendet - samt Hinweis, dass die Straße gesperrt ist. Am nächsten Morgen steht der Text auch in der Schwäbischen Zeitung.

Warum ist das so? Warum sind schwere Unfälle Teil unserer Berichterstattung? Reine Sensationsgier der Medien? Die Lust am schnellen Geschäft mit dem Leser - zu Lasten des Opfers und seiner traumatisierten Angehörigen?

Das sind Vorwürfe, mit denen nicht nur Schwäbische.de und Schwäbische Zeitung in solchen Fällen oft konfrontiert werden.

Doch diese Vorwürfe treffen nicht zu. Über schwere Unfälle zu berichten, ist vielmehr journalistische Pflicht. Wie die Berichterstattung zu geschehen hat, folgt außerdem - zumindest bei uns - ganz klaren Zielen und Richtlinen. Da geht es um Rechtliches und um den Schutz der Persönlichkeit von Unfallbeteiligten.

Warum wir berichten

Aufgabe der Presse ist es, Bürger zu informieren und das abzubilden, was Realität ist. Schwere Unfälle sind Teil der Realität. Nicht über sie zu berichten würde bedeuten, einen unliebsamen Teil der Realität auszublenden. Das wäre insofern fatal, weil damit der Verbreitung von Falschinformationen Tür und Tor geöffnet werden.

Ob man es wahrhaben will oder nicht - über schwere Unfälle wird sehr viel geredet. Vor allem dann, wenn sie in der Nähe passiert sind - dem eigenen Ort, der eigenen Heimatregion. Schon allein deshalb sind sie im journalistischen Sinne berichtenswert. Menschen sprechen darüber, die nur flüchtig davon gehört haben. Die vielleicht den Nachbarn der Familie des Opfers kennen und von dem etwas gehört haben, der seinerseits mit einem Angehörigen gesprochen haben will. Das Thema wird am berühmten "Stammtisch" debattiert.

Fakt ist: Über einen schweren Unfall werden in aller Regel bei sehr vielen Menschen Informationen kursieren, die auf Hörensagen basieren. War der Kleinwagen zu schnell unterwegs? Fuhr die Fahrerin gar absichtlich in den Lkw? Fuhr nicht eigentlich der Lastwagen viel zu weit auf der Gegenspur? Spekulation ist der größte Feind der Wahrheit.

Ernstzunehmende Presseberichterstattung setzt Spekulationen etwas entgegen. Sie beruft sich auf Quellen, die geprüft sind und Expertise besitzen. Bei schweren Unfällen sind das zuvorderst die Polizei, Feuerwehr und andere Helfer. Ja, auch die mögen einmal falsch liegen - doch in der großen Mehrzahl der Fälle sind es diese Informationen, die der Wahrheit über ein tödliches Unglück am nächsten kommen.

Das schützt Opfer, Angehörige und Beteiligte vor falschen Spekulationen, vor Unterstellungen und falschen Anschuldigungen. Nicht zu berichten bedeutet, dass keine geprüften Informationen zu einem Vorfall in der Bevölkerung kursieren. 

Daneben hat ein schlichter Servicegedanke - Menschen wollen rasch erfahren, wenn eine Straße in der Region längere Zeit gesperrt ist - ebenfalls einen Anteil an der Entscheidung für eine rasche Berichterstattung.

Wie wir berichten

Fast noch wichtiger als das "Warum" ist in dem genannten Fall das "Wie". Was ist eine angemessene Form, um über einen schweren Unfall zu berichten, bei dem es auch Tote gegeben hat? Dazu gibt in Deutschland der Pressekodex klare Leitlinien vor, die auch bei Schwäbische.de und der Schwäbischen Zeitung Anwendung finden.

So heißt es in Ziffer 11, dass auf eine "unangemessene Darstellung von Leid und Gewalt" zu verzichten ist. Und weiter, dass Berichterstattung da ihre Grenzen finden muss, wo es der Respekt vor dem Leid der Opfer und den Gefühlen der Angehörigen gebietet. Der Pressekodex wörtlich: "Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden."

Das unterscheidet den Journalisten vom Gaffer. Wir zeigen kein blutüberströmtes Opfer im Wrack eines Fahrzeugs. Fotos der am Unfall beteiligten Fahrzeuge zeigen wir ohnehin erst nach einer angemessenen Frist von mehreren Stunden. So hat die Polizei Zeit um Angehörige zu informieren, bevor sie aus der Presse vom Unglück erfahren und beispielsweise ein Auto wiedererkennen könnten. Wir bearbeiten Fotos außerdem so, dass keine Kennzeichen an Fahrzeugen zu identifizieren sind und damit Rückschlüsse auf die Unfallbeteiligten gezogen werden können. 

Im Text dagegen gilt: Wir nennen keine Namen oder andere Details, die klarmachen könnten, um wen es sich bei den Unfallbeteiligten handelt. 

Nur in sehr seltenen Fällen wird von diesen Regeln des Persönlichkeitsschutzes eine Ausnahme gemacht. So zum Beispiel beim schweren Autounfall des Oberbürgermeisters von Weingarten, Markus Ewald, im Jahr 2018. Er ist seither auf einen Rollstuhl angewiesen.

Ewald ist durch sein Amt eine sogenannte "Person öffentlichen Interesses". Der Titel bezeichnet unter anderem Personen, die wichtige offizielle Funktionen wahrnehmen, auf öffentliche Mittel zurückgreifen oder prägende gesellschaftliche Funktionen innehaben. Bei diesen Personen gibt es bisweilen Einschränkungen des Persönlichkeitsrechts - im Falle von Ewald zum Beispiel, weil davon ausgegangen werden musste, dass der Unfall Auswirkungen auf sein öffentliches und prominentes Amt hat. 

Neben den genannten Punkten kann Berichterstattung über Unfälle in den Medien übrigens - bei allem Schrecken - auch etwas bewirken: Eine öffentliche Debatte über die Sicherheit im Straßenverkehr ist schließlich nur dann möglich, wenn den Menschen klar ist, welche Gefahren er birgt.

Haben Sie vielleicht selbst Fragen, die unsere Arbeit betreffen, mit denen wir uns in einem Blogeintrag beschäftigen sollten? Schreiben Sie uns eine Mail an einsichten@schwaebische.de