"Wie können Sie Herrn XY ein Forum für seine volksverdummenden Aussagen bieten?“ Leser-Zuschriften wie diese sind nach der Veröffentlichung eines Interviews keine Seltenheit. Denn gerade bei dieser Textsorte fällt es mancher Leserin und manchem Leser schwer, zwischen der Meinung des jeweiligen Befragten und dem Medium, in dem diese veröffentlicht wird, zu differenzieren.

Das hat einen Grund: Bei keiner anderen journalistischen Form haben die Ansprechpartner – Politiker, Prominente, Amtsträger, Wissenschaftler und andere Experten – eine so weitgehende Möglichkeit, Einfluss zu nehmen auf die Aussagen, die letztlich in der Zeitung oder im Netz veröffentlicht werden.

Die Praxis der Autorisierung ist nicht unumstritten

Das, was Interviews so besonders macht, ist die Frage-Antwort-Form. Die Antworten der Gesprächspartnerin oder des Gesprächspartners erscheinen im Wortlaut, das heißt, als direkte Rede. Deshalb haben die Befragten hierzulande, anders als beispielsweise im englischsprachigen Raum, im Normalfall die Möglichkeit, ihre Antworten vor der Veröffentlichung des Textes freizugeben, zu autorisieren.

Diese gängige Praxis in Deutschland ist nicht unumstritten. Nahezu jede Journalistin und jeder Journalist hat schon einmal die Erfahrung gemacht, dass pointierte Gesprächsaussagen, die auch aufgezeichnet wurden, im Nachhinein abgeändert oder gestrichen werden. Oder – fast noch schlimmer: Dass Textpassagen ergänzt werden, die gar nicht Teil des Gesprächs waren.

Sind diese Veränderungen inhaltlich zu gravierend, hat der Redakteur seine liebe Not. Wenn er den Interviewpartner nicht davon überzeugen kann, dass seine Änderungswünsche zu weit gehen, dann war die bisher investierte Arbeit für die Katz – und der Text endet im Papierkorb. Dass es so weit kommt, ist allerdings die große Ausnahme.

Längere Interviews müssen bearbeitet und gekürzt werden

Im Normalfall geht es den Interviewten vor allem darum zu überprüfen, ob ihre Aussagen verkürzt oder missverständlich wiedergegeben werden. Denn – auch das gehört zur Wahrheit: Ein Interview bildet in den seltensten Fällen exakt das Gespräch so ab, wie es verlaufen ist.

Stellen Sie sich einmal vor: Sie sprechen 15, 30 oder 45 Minuten mit einem Kollegen oder einer Kollegin und zeichnen das Gespräch auf. Dann hören Sie diese Aufzeichnung ab und versuchen alles zu verschriftlichen, was der andere gesagt hat. Sie werden staunen, wie viele Seiten Sie damit füllen könnten. Genauso geht es Journalistinnen und Journalisten: Sie haben meistens viel zu viel „auf Band“ und würden damit, wenn sie nicht eine Auswahl träfen, zumindest jedes Zeitungsformat sprengen. Oft genug wäre das auch nicht sonderlich schön zu lesen.

Das bedeutet: Der Journalist muss das Gespräch abhören, die Kernaussagen zusammenfassen und das Ganze in einer Sprache aufschreiben, die nach gesprochener Sprache klingt, auch wenn das Interview in Schriftform erscheint.

Journalisten werden trotz dieser Praxis nicht zu willfährigen Sprachrohren

Da wird gehobelt – und da fallen ziemlich viele Späne. Es ist also nachvollziehbar, dass eine Politikerin, die vielleicht vor einer heiklen Wahl steht, oder ein Wissenschaftler, der über sein extrem komplexes Sachgebiet spricht, prüfen möchte, ob die Aussagen inhaltlich richtig sind. Noch dazu, wo sie in direkter Rede erscheinen.

Die Praxis, Interviews zu autorisieren, macht Journalisten aber keineswegs zu willfährigen Sprachrohren ihrer Interviewpartner. Denn das Gespräch steuern oder führen sie – mittels ihrer Fragen und Nachfragen. Ein Redakteur kann nachhaken, wenn sich der Gesprächspartner in Widersprüche verstrickt – und er sollte ihn aus der Reserve locken, wenn dieser nicht so richtig mit der Sprache herauswill. Oder die Zeitung nur als Plattform für seine Botschaften nutzen möchte.

Denn auch wenn der Befragte das Recht hat, seine eigenen Aussagen zu autorisieren – die Fragen, die ihm gestellt wurden, darf er weder verändern noch löschen. Und das bedeutet: Keine Antwort zu geben, ist auch keine Lösung.

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