Darf ein Journalist den Bürgermeister duzen? Was passiert, wenn der Vorsitzende des Vereins Mist baut, in dem mein Sohn kickt? Wie vertraulich und persönlich darf das Verhältnis des Berichterstatters sein zu Pressesprechern, Firmenchefs, den Meinungsmachern in der Gemeinde?

Mit diesen Fragen und damit dem Problem von Nähe und Distanz müssen sich Lokalredakteure nicht nur der Schwäbischen Zeitung täglich auseinandersetzen. „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört."

Der Satz wird dem preisgekrönten TV-Reporter und Tagesthemen-Moderator Hanns-Joachim Friedrichs zugeschrieben. Er hat diesen Satz offenbar mehrmals gesagt, in Abwandlungen. Im Kern blieb aber immer: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. Aber stimmt das auch?

Ich glaube, wir dürfen das

Zumindest für die Lokalberichterstattung habe ich so meine Zweifel. Kann ich mich wirklich nicht gemein machen mit meiner Stadt, meinem Viertel, meinem direkten Umfeld? Darf ich nirgendwo dazugehören, nur weil ich bei der Zeitung arbeite? Darf ich mich nicht freuen über gute Nachrichten für meine Kommune, meinen Verein, das Unternehmen, bei dem gute Freunde von mir arbeiten?

Doch, ich glaube, ich darf das. Denn Lokaljournalismus lebt auch davon, dass tagtäglich Reporter vor Ort unterwegs sind, eingebunden sind, Land und Leute kennen. Und mögen.

Wir müssen auch mal die Finger von einer Geschichte lassen

Der Schlüssel liegt darin, sich immer wieder die eigene Rolle bewusst zu machen. Die Gefahr zu sehen, dass man vereinnahmt und betriebsblind wird. Die Möglichkeit stets im Hinterkopf zu haben, dass man eine Nachricht nur deswegen spannend und wichtig findet, weil man den Überbringer mag.

Und im Zweifelsfall sollte man auch mal die Finger von einer Geschichte lassen, wenn man selbst merkt, dass man zu befangen ist.

Es ist wichtig als Journalist über das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zu Menschen, Institutionen und Themen mit Kolleginnen und Kollegen, aber auch mit dem privaten Umfeld und den Betroffenen regelmäßig zu sprechen. Nicht nur im Lokalen.

Haben Sie vielleicht selbst Fragen, die unsere Arbeit betreffen, mit denen wir uns in einem Blogeintrag beschäftigen sollten? Schreiben Sie uns eine Mail an einsichten@schwaebische.de.