Die Schwäbische Zeitung und Schwäbische.de folgen bei der Nennung von Identitäten bei Straftaten den Leitlinien des Deutschen Presserats. Er ist das Organ der freiwilligen Selbstkontrolle der Presse in der Bundesrepublik. Mit seinem Kodex gibt der Presserat Handlungsorientierungen.

Journalistinnen und Journalisten stehen bei der Berichterstattung über Straftaten immer vor einer schwierigen Entscheidung. Sie müssen sich festlegen, ob für die Verständlichkeit ihres Artikels die Zugehörigkeit zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten genannt werden muss. Anders ausgedrückt: Niemand erwartet, dass beim Autodieb formuliert wird, "der 36-jährige Katholik aus Oberschwaben hat schon mehrfach…"

Bei anderen Straftaten sieht das mittlerweile anders aus. Vor allem seit der Kölner Silvesternacht 2015 wird bei Nichterwähnung der Nationalität immer wieder der Vorwurf der Vertuschung oder der Zensur laut. Auf der Kölner Domplatte hatten vor allem junge Männer aus dem arabischen Raum Frauen sexuell belästigt.

Grundsätzlich gilt:

Pressekodex (Richtlinie 12.1):

"In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte."

Dementsprechend gilt auch im Rückblick auf die Ereignisse, dass die Nationalitäten bei der Berichterstattung der Silvesternacht genannt werden können. 

Journalistische Berichterstattung ist in der Regel Einzelfallberichterstattung. Das heißt, der Redakteur oder die Redakteurin müssen immer von neuem prüfen, ob nicht auch durch ihre Berichterstattung über das Fehlverhalten Einzelner eine ganze Gruppe unter Generalverdacht gestellt wird.

„Es gibt kein Verbot, die Herkunft von Straftätern oder Tatverdächtigen zu nennen. Es gibt lediglich das Gebot, diese Herkunftsinformation zu unterlassen, wenn die Diskriminierungsgefahr höher zu veranschlagen ist als die Information zum Verständnis des berichteten Vorgangs beiträgt“, sagt der Sprecher des Presserates, Manfred Protze.

Konkret hier einige Beispiele des Presserats:

Gründe gegen die Herkunftsnennung von Straftätern:

- Reine Neugier ist kein geeigneter Maßstab für presseethisch verantwortliche Abwägungen

- Die Nennung der Zugehörigkeit durch andere Quellen, z.B. durch Behörden oder Polizei entbindet nicht von der redaktionellen presseethischen Verantwortung

- Reine Vermutungen über den Zusammenhang zwischen der Zugehörigkeit eines Täters und der Tat

Das Risiko einer diskriminierenden Verallgemeinerung besteht zudem, wenn

- durch die Nennung der Herkunft oder durch die Verknüpfung mit abwertenden Begriffen lediglich diskriminierende Stereotype bedient werden 

- die Gruppenzugehörigkeit unangemessen herausgestellt wird, etwa durch Erwähnung in der Überschrift oder Wiederholungen

- die Gruppenzugehörigkeit als bloßes Stilmittel benutzt wird

Gründe für die Nennung:

- Es liegt eine besonders schwere oder in ihrer Art oder Dimension außergewöhnliche Straftat vor.

Beispiele: Terrorismus, Organisierte Kriminalität, Mord, Folter, Sprengstoffanschlag (z.B. auf den BVB-Mannschaftsbus 2017).

- Eine Straftat wird aus einer größeren Gruppe heraus begangen, von der ein nicht unbeachtlicher Anteil durch gemeinsame Merkmale wie ethnische, religiöse, soziale oder nationale Herkunft verbunden ist.  

Beispiel: Die Ereignisse der Kölner Silvesternacht 2015/16

- Die Biografie eines Täters oder Verdächtigen ist für die Berichterstattung über die Straftat von Bedeutung.

Beispiel: Täter ist Flüchtling und hat auf seiner Migration bereits vergleichbare Straftaten begangen.

- Der Zusammenhang zwischen Form oder Häufigkeit einer Straftat und der Gruppenzugehörigkeit von Tätern oder Verdächtigen selbst ist Gegenstand der Berichterstattung.  

Beispiel: Die Redaktion thematisiert den Handel mit bestimmten Drogen an bestimmten Plätzen durch Täter einer bestimmten Gruppe.

- Ein Straftäter oder Tatverdächtiger hat die eigenständige Struktur seiner Herkunftsgruppe für die Tatausführung benutzt.  

Beispiel: Der Täter nutzt ausländische Absatzwege für Diebesgut. Besondere Clan-Strukturen ermöglichen erst die Begehung von Straftaten (Ehrenkodex, Schweigeverpflichtungen, Solidaritätszwang usw.).

- Ein Verdächtiger flüchtet unter Ausnutzung von Strukturen in sein oder aus seinem Herkunftsland.

Damit wird klar, dass jede Redaktion immer aufs Neue verantwortungsbewusst entscheiden muss. Die „New York Times“ erlaubt die Herkunft von Straftätern, wenn das im Bericht auch begründet werden kann.

Forderungen hingegen, neben der Nationalität auch den Geburtsort oder einen Migrationshintergrund zu nennen, sind journalistisch inakzeptabel. Das sind rechtsradikale Versuche Kriminalität zu kulturalisieren.

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