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Machtkampf um Alno

Pfullendorf sz Knapp 300 Meter liegen in Pfullendorf im Linzgau zwischen dem Gasthaus Deutscher Kaiser und dem Hotel Adler. In der Altstadtwirtschaft treffen sich regelmäßig die Alno-Rentner, um über vergangene Zeiten und den Mann zu reden, der viele Jahre im Adler residierte und von dem sie so lange Zeit hofften, dass er ihren früheren Arbeitgeber endlich saniert: Sie hofften auf Max Müller. Sein Fahrer kutschierte den in der Schweiz lebenden Manager mehrere Jahre lang nach Pfullendorf, wo er in der Traditionsherberge abstieg, um das zu schaffen, woran vor ihm so viele andere Vorstandsvorsitzende gescheitert waren. Gemeinsam mit seiner Finanzchefin Ipek Demirtas wollte Müller den einstigen Marktführer der stolzen deutschen Küchenindustrie aus der Krise führen. Denn seit dem Börsengang 1995 hatte das Unternehmen nur wenige Jahre schwarze Zahlen geschrieben.

Doch die einstigen Hoffnungsträger sind nur noch Zuschauer, Statisten – von denen entmachtet, die Müller und Demirtas im Sommer 2016 geholt hatten, um sich bei der endgültigen Alno-Rettung helfen zu lassen: rausgedrängt von der bosnischen Familie Hastor, die sich über ihre Gesellschaft Tahoe an Alno beteiligt hat. Demirtas verlor ihren Job im Dezember, Müller musste Ende Mai gehen. Aufgegeben haben sie dennoch nicht: Mit einer Investmentgesellschaft wollen sie ihr Sanierungskonzept für Alno weiterhin verwirklichen.

Zwei Versionen einer Geschichte

Es ist ein Machtkampf, der im beschaulichen Pfullendorf tobt. Auf der einen Seite die in der Autoindustrie groß gewordenen Hastors, die im vergangenen August mit ihrer Firma Prevent im Zuliefererstreit mit VW die Produktion in Wolfsburg mehrere Tage lang lahmlegten. Die gerade den Autobauer Daimler verklagen und seit Monaten gegen alle Widerstände den bayerischen Zulieferer Grammer übernehmen wollen – und in Alno ein weiteres lohnendes Investitionsobjekt sehen. Auf der anderen Seite zwei aus dem Amt gedrängte Vorstände des Küchenbauers, die den Hastors die Stirn bieten.

Haben die mächtigen Automanager in Pfullendorf inkompetente Manager entlassen, die es jahrelang nicht geschafft haben, den Küchenbauer zu retten? Und können die ehemaligen Chefs aus gekränkter Eitelkeit nicht von ihrem ehemaligen Unternehmen lassen? Das ist die eine Geschichte, die sich die Alno-Rentner im Deutschen Kaiser erzählen. Die zweite Version klingt anders: In ihr kämpfen Müller und Demirtas verzweifelt um eine letzte Chance für das Pfullendorfer Unternehmen.

Keine Küche ohne Fehlteile

Klar ist dabei eines: Der Küchenbauer steht vor dem Abgrund – und der Kampf zwischen den alten und neuen Herren macht die Lage jeden Tag aussichtsloser. Denn Tahoe entließ seit Anfang des Jahres nicht nur viele Führungskräfte, sondern auch 140 Mitarbeiter, löste Lagerbestände auf, die nicht mehr zeitnah aufgefüllt werden, weil Lieferanten nicht mehr liefern. Nicht mehr liefern, weil kein Geld im Unternehmen ist. Geld, das Tahoe eigentlich zugesagt hatte. Seit Februar hat Alno so gut wie keine Küche mehr ohne Fehler ausgeliefert – mal fehlt eine Tür, mal ein Schrank, dann wieder Griffe oder Schubladen. „Großhändler können Fachgeschäften nicht mehr empfehlen, Alno-Küchen zu verkaufen, sie wissen einfach nicht, ob Alno noch liefert und wenn wann“, erläutert ein Branchenkenner. Fatal, denn Händler können Kunden erst dann eine Rechnung schreiben, wenn die Küche vollständig im Einfamilienhaus steht. „Wir hoffen, dass Alno wieder lieferfähig wird“, sagt Daniel C. Schmid, Vorstand der MHK-Gruppe, eines Einkaufsverbunds, der europaweit mehr als 2500 Geschäfte vertritt.

Wie dramatisch sich die Lage darstellt, zeigt ein Brief, den Max Müller Anfang März an Kenan Hastor, einen der beiden Söhne von Firmenpatriarch Nijaz Hastor, geschrieben hat und der der „Schwäbischen Zeitung“ vorliegt. „Die Entwicklung in den letzten Wochen ist so gravierend, dass wir zurzeit nicht in der Lage sind, Küchen ohne Fehlteile auszuliefern“, schreibt Müller an den fernen Investor. Auch den Grund benennt Müller in seinem Brief: „unzählige Lieferstopps“ der Lieferanten. „Die Situation ist lediglich der Liquidität geschuldet“, heißt es weiter. Eben den versprochenen Mitteln, die Tahoe eigentlich in das Unternehmen stecken wollte.

Hastors ging es vor allem um Macht

Ein Retter, der nicht rettet? Ein Retter, der vor allem Macht will? So stellt sich die Situation für Manager dar, die die ersten Gespräche zwischen Müller und Demirtas auf der einen Seite und Hastor-Vertretern auf der anderen Seiten verfolgt haben. Denn der ursprüngliche Plan des Alno-Chefs und seiner Finanzchefin war im Sommer 2016 ein ganz anderer: Sie haben nicht nach einem Mehrheitsaktionär gesucht, sondern nach einem Partner, der sich an der Sanierung von Alno beteiligt. Der „Schwäbischen Zeitung“ liegt ein Börsenprospekt für eine Kapitalerhöhung vor, den die Bafin in zweiter Prüfung bereits abgesegnet hatte. Bei dieser Kapitalerhöhung sollten Schulden in Höhe von 50 Millionen Euro in Eigenkapital umgewandelt werden und weitere 35 Millionen Aktien gegen Bargeld ausgegeben werden. Mit der Umwandlung der Schulden, der die Gläubiger bereits zugestimmt hatten, sollte Alno entschuldet werden, mit den Barmitteln die Zukunftsinvestitionen gestemmt werden. Und für die Beteiligung mit Aktien im Wert von 35 Millionen Euro hatte Max Müller die Hastors vorgesehen.

Im Laufe der Verhandlungen wird jedoch eine Sache klar: „Den Hastors ging es vor allem um die Macht über den gesamten Konzern“, erinnert sich ein an den Gesprächen beteiligter Manager. Klar ist aber auch: Eine große Wahl hat Alno nicht – auch wenn sich erste Erfolge abzeichnen, die Werke seit Jahren wieder ausgelastet sind und die Gläubiger der Schuldenumwandlung zugestimmt haben: Alno braucht frisches Geld. Und andere Geldgeber außer den berüchtigten Automanagern, die echtes Interesse haben, gibt es nicht.

Ein "Nein" als Antwort

„Mit dem ersten Kredit von Ende Juli 2016 hatte sich die Unternehmerfamilie dann ein Machtinstrument gesichert“, erzählt der Manager weiter. Vom Konzept zur Entschuldung sei nicht mehr die Rede gewesen – die Umwandlung von Schulden anderer Gläubiger in Eigenkapital hätte es Tahoe auch erschwert, bei Alno eine dominierende Rolle einzunehmen.

28. Oktober 2016, Radisson-Hotel Zürich: Max Müller und Ipek Demirtas treffen sich mit Mensur Šaćirović, der heute für Hastor im Aufsichtsrat von Alno sitzt. Es ist der Versuch, die Vereinbarung mit den Hastors zu lösen und die Zusammenarbeit wieder zu beenden, wie eine Person, die in das Treffen involviert war, der „Schwäbischen Zeitung“ bestätigt. Eine angemessene Verzinsung des gewährten Darlehens sollte die Gegenleistung für einen Rückzug der Hastors sein. Die Antwort war eindeutig und kam prompt: nein.

Hastors glauben an Alno

Offiziell will Tahoe weder das Konzept zur Entschuldung von Alno noch die Bitte um die Auflösung der Zusammenarbeit oder das Problem der fehlenden Liquidität kommentieren. Für den neuen Großaktionär stellt sich die Lage allerdings völlig anders dar. „Die alte Führung hat die nötige Sanierung einfach nicht konsequent umgesetzt. Als wir im Herbst dann nach und nach Einblick bekommen haben, stellte sich alles als viel schlimmer dar als erwartet“, heißt es in Tahoe-nahen Kreisen. Das grundsätzliche Problem sei die Tatsache, dass über viele Jahre ein Ankeraktionär gefehlt habe, der Verantwortung übernimmt. Aufgrund ständiger Managementwechsel habe bei Alno Kontinuität, das Gespür für den Markt gefehlt. Eine Ansicht, die in der Branche geteilt wird. „Seit dem Börsengang hat Alno den Fachhandel vernachlässigt, Vorstände begannen über den Preis und in den großen Möbelhäusern mit Billigangeboten zu verkaufen“, sagt ein Branchenexperte.

Doch trotz all dieser existienziellen Probleme glauben die Hastors an Alno – noch immer, das sagt jedenfalls Alexander Gerstung, der ebenfalls für die bosnische Familie im Aufsichtsrat sitzt. „Alno ist eine etablierte Marke mit qualitativ hochwertigen Produkten, und einer sehr treuen, gut ausgebildeten Belegschaft“, sagt der Manager der „Schwäbischen Zeitung“. „Wir wollen nicht zerlegen und verkaufen, sondern wir haben bereits investiert und wollen das auch weiter tun, um so aus dem Sanierungsfall wieder ein prosperierendes Unternehmen zu machen.“

Schulden in Eigenkapital umwandeln

Damit haben die alten und neuen Herren von Alno das gleiche Ziel: Denn auch Max Müller und Ipek Demirtas haben diesen Plan noch nicht aufgegeben. Im März gründete die frühere Finanzchefin über einen Treuhänder in Liechtenstein die Beteiligungsgesellschaft First Epa. Laut eines Investorenprospekts, der der „Schwäbischen Zeitung“ vorliegt, hält die Managerin 33,33 Prozent an First Epa. Die neue Gesellschaft kaufte in den vergangenen Monaten Forderungen von Gläubigern auf, bei denen das Unternehmen Alno Schulden hat, sodass Demirtas über die First Epa Schuldscheine von Alno im Wert von mehr als 50 Millionen Euro hält. Ihr Kalkül scheint klar: Ipek Demirtas will die Kontrolle zurückbekommen – und an einem Gläubiger, dem Alno einen zweistelligen Millionenbetrag schuldet, kommen auch die Hastors nicht vorbei.

„Alno war für mich mehr als ein Job. Das Unternehmen und die mehr als 2000 Menschen sind mir ans Herz gewachsen“, sagt Ipek Demirtas der „Schwäbischen Zeitung“. „Und ich weiß um das Potenzial der gesamten Firma und der einzelnen Standorte. Deshalb meine Rückkehr als Unternehmerin.“ Bis Mitte Juli hatte die 50-Jährige einen klaren Plan: Wie in ihrem Ursprungskonzept vom Sommer 2016 vorgesehen, wollte sie die nun von ihr kontrollierten Schulden in Eigenkapital umwandeln, sodass sie einen Teil der Alno-Anteile kontrolliert – und somit ein Stück Macht von den Hastors zurückgewonnen hätte.

Worte voller Sorgen

Es war ein Plan, der hätte funktionieren können – jedenfalls bis zum 11. Juli. An diesem Dienstag meldete die Alno AG in Pfullendorf Insolvenz in Eigenverwaltung an. Die Alno-Töchter Wellmann und Pino folgten wenige Tage danach. Die Spirale aus ausbleibenden Einkünften, meuternden Zulieferern und fehlenden Bauteilen, die die Mängellisten bei den ausgelieferten Küchen länger und länger werden ließen, hatte den Küchenbauer in die Zahlungsunfähigkeit getrieben. Tatsache ist aber auch, dass die Hastors die Insolvenz nicht mit weiteren Geldmitteln verhindert haben – ein Schachzug, der dem Machtpoker von Pfullendorf eine weitere Wendung gab: Die Forderungen von Ipek Demirtas verloren mit der Alno-Pleite von einem auf den anderen Tag massiv an Wert.

Seit Mitte Juli läuft jetzt die Sanierung in Eigenverwaltung. Der von Tahoe eingesetzte Vorstandschef Christian Brenner muss sein Handeln mit zwei Generalbevollmächtigten abstimmen, die entscheidenden Weichenstellungen beschließt ein vom Gericht bestellter Gläubigerausschuss. Nach Unternehmensangaben bereitet der Vorstand ein Verfahren vor, in dem ein Käufer für die gesamte Alno-Gruppe gesucht wird. Erst dann entscheidet sich, was die Forderungen von Ipek Demirtas noch wert sind. Noch ist der Kampf zwischen alten und neuen Herren also nicht entschieden.

Die Zukunft von Alno wird sich allerdings auch in den Fabriken des Küchenbauers entscheiden. In denWerkshallen, wo in diesen Tagen die Produktion wieder anlaufen soll. „Wir müssen das alles wieder in den Griff bekommen“, sagt die Pfullendorfer Betriebsratschefin Waltraud Klaiber. „Wir müssen das Vertrauen unserer Kunden zurückgewinnen.“

Es sind Worte voller Sorgen. Sorgen, die die Alno-Rentner im Gasthaus Deutscher Kaiser teilen.

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