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Wirtschaft

Goldene Jahre für Reisemobilhersteller

Auf dem Caravan-Salon in Düsseldorf präsentiert sich die Branche in Champagnerlaune
Elektromobilität in der Caravaning-Branche: Dethleffs stellte in Düsseldorf sein E-Reisemobil vor.
Elektromobilität in der Caravaning-Branche: Dethleffs stellte in Düsseldorf sein E-Reisemobil vor.
Tillmann/Messe Düsseldorf/dpa-tmn

Düsseldorf sz Mit jeder Menge Rekorden hat am Freitag die Leitmesse der Reisemobil- und Caravan-Branche, der Caravan-Salon, in Düsseldorf eröffnet. In 13 Hallen und auf dem Freigelände des Düsseldorfer Messegeländes präsentieren sich in den kommenden Tagen 600 internationale Aussteller mit insgesamt 130 Caravan- und Reisemobilmarken. Auf über 214 000 Quadratmetern sind mehr als 2100 Freizeitfahrzeuge ausgestellt. Mit dabei: Branchenschwergewicht Erwin Hymer Group (EHG) aus Bad Waldsee – unter anderem mit den Marken Hymer und Dethleffs – sowie der Aulendorfer Premiumhersteller Carthago.

Die weltweit größte Branchenschau geht einher mit einem Boom des Caravaning in Deutschland. Nach einer Prognose des Caravaning Industrie Verbandes (CIVD) dürften mehr Reisemobile und Caravans verkauft werden als jemals zuvor. Rund 60 000 Neuzulassungen erwartet CIVD-Geschäftsführer Daniel Onggowinarso 2017. Damit würde nach gut einem Vierteljahrhundert der bisherige Rekord aus dem Jahr 1991 übertroffen. Damals wurden rund 55 000 Freizeitfahrzeuge verkauft.

Allein von Januar bis Ende Juli sind hierzulande knapp 31 000 Reisemobile und mehr als 17 000 Caravans neu zugelassen worden – ein Plus von 13,9 beziehungsweise 13,5 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. Auch bei den Umsätzen purzeln die Rekorde: Mit 5,2 Milliarden Euro hat die deutsche Caravaningbranche im ersten Halbjahr 2017 die Erlöse um 15,4 Prozent gegenüber 2016 gesteigert. Der Löwenanteil mit 3,1 Milliarden Euro entfiel dabei auf das Geschäft mit Neufahrzeugen.

Gründe für den Boom sieht Onggowinarso viele. Die Branche profitiere nicht nur von einem verbesserten Image des Reisemobil-Urlaubs, von niedrigen Zinsen und vom anhaltenden Wirtschaftswachstum in Deutschland. Auch der Outdoor-Trend spiele der Branche in die Hände. Außerdem spiegele der Boom der Reisemobile den von der Terrorgefahr im arabischen Raum ausgelösten Trend zum Urlaub in Europa.

Alles eitel Sonnenschein? Fast. „Wenn da nur nicht die leidige Diesel-affäre wäre“, brachte es Alexander Leopold, Geschäftsführer des Wohnwagen- und Wohnmobilbauers Dethleffs aus Isny, auf den Punkt. Tatsächlich blickt die Branche mit einem Anflug von Fassungslosigkeit auf die Zukunft des Selbstzünders. Schließlich repräsentiert der Diesel die dominante Antriebsart in der Branche. Fast alle motorisierten Reisemobile in Europa sind mit Dieselantrieben unterwegs. Ein mögliches Verbot der Technologie würde die Branche empfindlich treffen.

Martin Brandt, Chef des Marktführers EHG, beschwichtigt zwar: „Unsere Kunden sind mit den heute ausgelieferten Motoren der Euro-6-Norm auf der sicheren Seite.“ Gleichwohl gibt Brandt zu, mit den Zulieferern – allen voran Marktführer Fiat, der rund 80 Prozent der in der Branche verbauten Chassis stellt – bei diesem Thema im Gespräch zu sein. Dabei haben die Reisemobilhersteller ein gewichtiges Argument auf ihrer Seite, zählen sie bei Kleintransportern doch zu den Hauptabnehmern der Automobilkonzerne.

Die von den Chassis-Herstellern forcierte Hybridtechnologie sei dabei keine Option für die Reisemobilhersteller, denn die Modelle würden die in der Branche wichtige Gewichtsgrenze von 3,5 Tonnen überschreiten, so Brandt. Fahrzeuge mit einem höheren Gewicht können nämlich nicht mehr mit dem normalen Pkw-Führerschein bewegt werden.

So verwundert es nicht, dass erste Reisemobilhersteller über alternative Antriebskonzepte – namentlich über Elektroantriebe – nachdenken. Ein Pionier auf diesem Gebiet ist Dethleffs. Das Traditionsunternehmen präsentiert auf dem Caravan-Salon in Düsseldorf mit dem E-Home erstmals ein vollelektrisch angetriebenes Reisemobil. Auch wenn eine Serienproduktion des E-Home angesichts überschaubarer Reichweiten von 180 Kilometern und einer fehlenden Ladeinfrastruktur noch Zukunftsmusik ist, glaubt Dethleffs-Chef Leopold an die neue Technologie.

Unterdessen verdient das Unternehmen mit traditionellen Reisemobilen und Caravans gutes Geld. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2016/17, das in wenigen Tagen zu Ende geht, hat Dethleffs seinen Umsatz von 311 Millionen auf 370 Millionen Euro gesteigert. Das ist ein Plus von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Rund 12 000 Wohnmobile und Wohnwagen, die den Namen des Wohnmobil-Erfinders Arist Dethleffs tragen, hat das Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten verkauft. Damit ist Dethleffs Nummer zwei in der Erwin-Hymer-Gruppe, zu der die Marke seit vielen Jahren gehört – übertroffen nur noch von der Hymer GmbH & Co. KG, die ihren Umsatz im gleichen Zeitraum um 15 Prozent auf 465 Millionen Euro gesteigert hat. Hymer-Markenchef Bernhard Kibler, der demnächst eine Funktion in der Gruppe übernehmen wird, verkaufte 10 800 Fahrzeuge und kündigte für das kommende Geschäftsjahr ein „Umsatzplus von zwölf Prozent und weiter steigende Investitionen“ an.

Mit den Erfolgen der beiden umsatzstärksten Marken Hymer und Dethleffs blickt auch die Hymer-Gruppe, Europas größter Reisemobil- und Caravanhersteller, zu dem weitere Marken wie Bürstner, Carado und Sunlight gehören, auf ein hervorragendes Geschäftsjahr zurück. Um satte 31 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro sind die Erlöse des Familienunternehmens aus Bad Waldsee zuletzt geklettert – neben organischem Wachstum auch getrieben durch Akquisitionen. 55 000 Freizeitfahrzeuge hat die Hymer-Gruppe von September 2016 bis August 2017 verkauft – ein Plus von 38 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. „Der Trend hin zum Caravaning, aber auch die Internationalisierung unserer Gruppe etwa durch den Kauf der kanadischen Roadtrek sind die Gründe für unsere dynamische Umsatzentwicklung“, erklärte EHG-Chef Brandt.

Gewinnzahlen nennt die Hymer-Gruppe traditionell zwar nicht, doch sei man mit dem Ergebnis „sehr zufrieden“, so Brandt. Nur so lässt sich auch die Ankündigung Brandts verstehen, in den kommenden Jahren jeweils 100 Millionen Euro in Zukunftsprojekte des mobilen Reisens investieren zu wollen. Wie das „Caravaning der Zukunft“ aussehen könnte, schob der Chef des Branchenprimus aus Bad Waldsee in Düsseldorf gleich nach: Demnach wird das Thema autonomes Fahren in der Reisemobilbranche kommen, „so sicher wie das Amen in der Kirche“. Ab 2030, so die Prognose von Brandt, wird es die ersten vollautomatischen Reisemobile geben.

Erlaubnis aus Kanada

Als weltweit erstes Unternehmen hat die Hymer-Gruppe die Erlaubnis der kanadischen Regierung erhalten, autonom fahrende Reisemobile im öffentlichen Straßenverkehr zu erproben. Nach einer Forschungsphase auf der Teststrecke haben inzwischen die Versuche im Straßenverkehr begonnen.

Weitere Themen, die die Branche in den nächsten Jahren umtreiben werden, sind Leichtbau, Dienstleistungen rund um die Reiseplanung, Vermietung und Sharing-Modelle sowie Verbesserungen bei der Bedienbarkeit und dem Komfort. Letzteres hat sich vor allem der Aulendorfer Premiumhersteller Carthago auf die Fahnen geschrieben. „Evolutionäre Schritte statt revolutionäre Eingriffe“ – unter diesem Motto präsentierte Carthago-Geschäftsführer Bernd Wuschak die Modellpalette für 2018.

Schon in der Vergangenheit haben die Aulendorfer mit Innovationen wie dem Doppelboden bei Reisemobilen Branchentrends gesetzt und Käufer begeistert. Und das ist dem Unternehmen auch im abgelaufenen Geschäftsjahr 2016/17 (31. Juli) gelungen. Um 27 Prozent auf 305 Millionen Euro hat Carthago seinen Umsatz gesteigert, 4900 Reisemobile wurden verkauft. Im Premiumsegment ab Preisen von 80 000 Euro ist Carthago mit einem Marktanteil von 25 Prozent nach eigener Aussage Marktführer.

Wie fast alle Hersteller auf dem Caravan-Salon rechnet Wuschak auch künftig mit gut gehenden Geschäften. Im gerade angelaufenen Geschäftsjahr 2017/18 wollen die 1150 Carthago-Mitarbeiter noch einmal 1000 Reisemobile mehr produzieren – und auch verkaufen.

Die Erwin Hymer Group (EHG) war im Geschäftsjahr 2016/17 der führende Anbieter von Caravans und Reisemobilen in Europa. Den Absatz von Freizeitfahrzeugen hat das Familienunternehmen mit Stammsitz in Bad Waldsee (Kreis Ravensburg) um insgesamt 38 Prozent zum Vorjahr gesteigert. Zum Vergleich: Die Zulassungszahlen in Europa stiegen im gleichen Zeitraum um knapp zehn Prozent. Mit 55 000 verkauften Fahrzeugen erzielte die EHG einen Gesamtumsatz von 2,1 Milliarden Euro (Vorjahr: 1,6 Milliarden Euro).

An den insgesamt zwölf Produktionsstandorten produziert das Unternehmen mit rund 6000 Mitarbeitern Reisemobile, Caravans und Zubehör. Der Verkauf von Freizeitfahrzeugen und Zubehör erfolgt dabei über ein Netzwerk von 1270 Fachhandelspartnern.

Mit ihren 22 Marken bietet die EHG ein umfassendes Produkt- und Dienstleistungsportfolio: Das Angebot reicht vom günstigen Einsteigermodell bis zur komfor-tablen Luxusklasse, von der Vermietung bis zur Finanzierung von Fahrzeugen. Community Plattformen, Zubehör und Fahrwerks-technik runden das Sortiment ab.

(ank)

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