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Wirtschaft

Experte hält Weg von ZF-Chef Sommer für richtig

Automobilexperte Willi Diez: „Die größten strategischen Fehler werden in Unternehmen dann gemacht, wenn es ihnen gut geht.“
Automobilexperte Willi Diez: „Die größten strategischen Fehler werden in Unternehmen dann gemacht, wenn es ihnen gut geht.“
Andreas Müller

Friedrichshafen sz Vorstand und Eigentümer des Autozulieferers ZF haben sich wegen der strategischen Ausrichtung überworfen. Es geht darum, wie schnell und mit welchen Risiken das Unternehmen, das viele Jahre vor allem für seine Getriebetechnik bekannt war, zu einem global agierenden Konzern geformt werden soll. Benjamin Wagener und Andreas Knoch haben Willi Diez, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, gefragt, wie ZF die Veränderungen angehen muss.

Herr Diez, wie bewerten Sie die Ernennung von Franz-Josef Paefgen als Aufsichtsratschef von ZF?

Mit der Entscheidung, einen ausgewiesenen Autoexperten zum Aufsichtsratschef zu berufen, hat ZF ein Signal für die Zukunft gesetzt. ZF-Chef Stefan Sommer bekommt mit Herrn Paefgen einen kompetenten Gesprächspartner.

Herr Paefgen ist seit mehr als sechs Jahren nicht mehr operativ in der Branche tätig. Seitdem hat sich die Branche extrem gewandelt …

Ich glaube, dass er nach wie vor in den Themen drin ist. Außerdem ist es nicht die Aufgabe eines Aufsichtsratschefs, in das operative Geschäft einzugreifen. Er hat vor allem eine Moderatorenrolle auszufüllen – gerade bei einem Stiftungsunternehmen wie ZF. Da ist es von Vorteil, wenn er von den Themen inhaltlich etwas versteht. Es erleichtert die Kommunikation in beide Richtungen – sowohl aus dem Unternehmen heraus in Richtung Stadt, der er verpflichtet ist, als auch umgekehrt.

Kernprodukte, mit denen ZF Jahrzehntelang erfolgreich war, sind Getriebe und Fahrwerktechnik. Wie zukunftsträchtig ist dieses Geschäft?

Ich habe da meine Zweifel. Mit der Digitalisierung schiebt sich in die seit Jahrzehnten gewachsene Geschäftsbeziehung zwischen den Automobilherstellern auf der einen und den Zulieferern auf der anderen Seite ein neuer Wettbewerber. Einer der die Macht über die digitalen Daten hat. Den Kampf um die Datenhoheit muss ZF führen. Sonst läuft das Unternehmen Gefahr, die direkte Geschäftsbeziehung zu den Automobilherstellern zu verlieren und zu einem austauschbaren Hardwarelieferanten degradiert zu werden. Das ist mit Risiken verbunden, doch die gute Branchenkonjunktur gibt Rückenwind. Den muss ZF nutzen. Die größten strategischen Fehler werden in Unternehmen dann gemacht, wenn es ihnen gut geht.

In welche Richtung muss sich ein Automobilzulieferer wie ZF entwickeln?

Automobilzulieferer brauchen heute Systemkompetenz, und müssen die digitale Infrastruktur eines Fahrzeugs verstehen. Nehmen Sie als Beispiel die Möglichkeit, Getriebe über GPS zu steuern. Da reicht die reine Hardwarekompetenz nicht mehr aus. Vor allem aber muss man schnell sein. Für ein Stiftungsunternehmen wie ZF, dessen Eigner keine großen Risiken eingehen möchten, ist das eine gewaltige Herausforderung. Andererseits stellt sich die Frage, wo ZF in zehn Jahren steht, wenn nicht heute die entsprechenden Weichen gestellt werden. Ich halte den von Stefan Sommer eingeschlagenen Weg für richtig.

Ist die Elektromobilität der Antrieb der Zukunft oder ein überschätzter Hype?

Es gibt Alternativen wie die Brennstoffzelle, auf die beispielsweise Toyota baut, oder synthetische Kraftstoffe. Allerdings spricht im Moment vieles für die Elektromobilität. China als größter Automobilmarkt setzt ganz klar auf diese Antriebstechnik, und die Hersteller investieren enormen Summen in das Thema. Hinzu kommt, dass Elektromobilität zurzeit technisch am einfachsten umzusetzen ist. Ob das in 20 Jahren noch genauso ist, ist schwer zu sagen. Vielleicht kommt dann das Zeitalter der Brennstoffzelle oder das synthetischer Kraftstoffe.

Muss ZF vor diesem Hintergrund auch höhere finanzielle Risiken eingehen oder über einen Börsengang nachdenken, um die notwendigen Zukunftsinvestitionen stemmen zu können?

Der Kapitalbedarf in den Unternehmen wird in den nächsten Jahren extrem zunehmen. Zugleich werden die Amortisationszeiträume von Investitionen tendenziell kürzer. Die deutschen Unternehmen müssen aufpassen, für Geldgeber attraktiv zu bleiben. Zurzeit fließen enorme Summen in das Thema autonomes Fahren. Doch die Profiteure sind nicht etwa die deutschen Automobilhersteller und -zulieferer, sondern vor allem die US-amerikanischen Internetgiganten.

In welchen Bereichen hat ZF noch Lücken, die das Unternehmen schließen muss?

ZF muss vor allem seine digitale Kompetenz mit Blick auf das Gesamtfahrzeug und auf einzelne Komponenten stärken.

Hätten diese Lücken durch den Kauf von Haldex und Wabco geschlossen werden können?

Beide Unternehmen passen zu ZF. Wabco wäre mit Blick auf das Nutzfahrzeuggeschäft sicher ein Gewinn gewesen. ZF hätte sich so zu einem Systemanbieter in diesem Segment aufschwingen können.

Wie riskant wäre ein solcher Zukauf von geschätzt sechs Milliarden Euro bei einer Eigenkapitalquote von rund 20 Prozent?

Das hängt von der Finanzierungsstruktur und den Übernahmemodalitäten ab. Das können Banker besser beurteilen.

Können im Zuge der sich weiter globalisierenden Autobranche große Produktionswerke langfristig in Friedrichshafen gehalten werden?

Im Bereich der Produktion wird der Standort Deutschland an Bedeutung verlieren. Von Deutschland aus erreichen wir heute vor allem die europäischen Exportmärkte, und die sind weitestgehend gesättigt. Der klassische Export in die übersee-ischen, wachstumsstarken Märkte wird dagegen immer schwieriger. In Ländern wie China und Lateinamerika ist er gar nicht möglich. Dort müssen sie eine lokale Produktion aufbauen, um Autos zu verkaufen. Das führt dazu, dass wir in der Produktion in Deutschland Arbeitsplätze verlieren werden.

Passen die Stiftungsstruktur von ZF auf der einen und der global agierende Konzern auf der anderen Seite noch zusammen?

Mit Bosch und Mahle gibt es im Südwesten zwei weitere Automobilzulieferer, die eine Stiftungsstruktur haben. Allerdings werden diese Unternehmen stärker von der Familie heraus kontrolliert, die näher an den Entscheidungsprozessen und den operativen Themen dran ist. Hinter ZF steht als Eigner die Stadt Friedrichshafen – doch die Logik eines Industriekonzerns ist eine andere als die einer Stadt. Das führt zwangsläufig zu einem Spannungsverhältnis. Kurzfristig mag sich dieses Spannungsverhältnis mit einer Personalie glätten lassen. Perspektivisch muss man in Friedrichshafen aber die Frage beantworten, ob diese Struktur noch die richtige ist.

Angesichts des Führungsstreits: Setzt ZF seine Attraktivität für potenzielle Sommer-Nachfolger aufs Spiel?

Die Personaldiskussion der vergangenen Wochen ist für ein leises Unternehmen wie es ZF immer war sicher ungewöhnlich. Aber bei einem so raschen Wandel ist es ganz natürlich und nachvollziehbar, dass es zu solchen Diskussionen kommt. Manager, die sich vor solchen Auseinandersetzungen scheuen, wären sowieso falsch für einen globalen Player.

Zur Person

Willi Diez (Jahrgang 1953) ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU). Vor seiner Berufung an die HfWU im Jahr 1991 war der studierte Wirtschaftswissenschaftler in verschiedenen Funktionen bei der Daimler AG tätig. Diez hält etliche Mandate in Aufsichts- und Beiräten verschiedener Unternehmen der Automobilbranche.

Ihr Kommentar zum Thema
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Ohne grund im besten Jahr der ZF den besten CEO rausgemobbt. Danke OB !!

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Alle internen und externen Experten, Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter halten Sommers Weg für richtig. Ob dieser Weg jetzt weitergegangen wird ist fraglich. Auf jeden Fall wird kostbare Zeit verloren werden. Danke Herr Brand. Dieses Chaos haben Sie angerichtet. Ich rate zum Rücktritt. mehr

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Brand interessiert sich nur für seine eigenen Experten, die ihm nach dem Mund reden. Die ganze Branche schreit auf, was hier in FN passiert, selbst die Ministerin bedauert dies. Aber Brand macht sein Ding, beratungsresisitent, eitel, geltungssüchtig und machtbeseesen. Schade um die Arbeitsplätze...

BMW = Brand Muus Weg mehr

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an # 5: Sie kopieren Ihre Kommentare zu anderen Beiträgen jetzt auch hier rein. Bitte nehmen Sie doch einfach die Antworten auf Ihren Standardkommentar und geben Sie sich damit zufrieden.

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Ruhe??? Ein Experte der Millionen verdient will uns beraten???
HaHa Frau Merkel will auch nur das beste und jetzt stehen Polizisten mit Maschinengewehren auf jedem Weihnachtsmarkt!!!
Herr Brand und seine Ferdinand GmbH ist nicht akzeptabel, aber nur er kann den geldgeilen Dr. Sommer stoppen.
Wählen Sie doch Herrn Sommer. In ein paar Monaten wird er Teile der Produktion auslagern um billiger zu Produzieren und dann gibt es in FN 10 % Arbeitslose. Dr. Sommer sind die Bürger egal, er hat nur die Millionen im Kopf. Arbeiter verzichten zur Arbeitsaltsicherung auf Lohn aber die Gehälter der Manager werden zu gleichen Zeit verdoppelt!!!! Die Auslagerung und Einsparungen der Arbeitsplätze im FEZ hat er ja laut IGM schon geplant! Ein Ingenieur hat laut SZ nach der Versammlung berichtet das Herr Sommer alles richtig macht. Was soll er sonst sagen. Eine negative Aussage und er ist sein Job los!! Kollegen reden ohne Mikrofon von der SZ ganz anders! Wie leichtgläubig seit Ihr?? Manager verdienen Millionen in dem Sie Arbeitsplätze einsparen und Firmen freuen sich auf Merkel's Gäste die für 5€ arbeiten. Die Mindestlöhne werden ganz einfach umgangen und wer von Euch höheren Lohn fordert kann gehen. Es stehen ja tausende Arbeitslose vor der Tür die Euren Job für die Hälfte Lohn erledigen.! Denkt Ihr mal an die Zukunft Eurer Kinder??
Klatscht nur weiter, Eure Kinder werden fragen, warum Sie drei Jobs machen müssen um die Miete zu zahlen, warum Ihr sowenig Rente bekommt aber die Manager Millionen kassieren. mehr

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Bitte prüft endlich die Zeppelin-stiftung auf Bundesebene !

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Wer weiß was hier alles wirklich passiert ist. Jetzt ist eins wichtig. Ruhe einkehren lassen.

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Nach dem ganzen Theater ist doch ein klar. Stiftung und Unternehmen müssen wie bei Bosch getrennt werden. Der ganze Scherbenhaufen ist total unnötig und wäre nicht entstanden, gäbe es nicht den Drang zum Geld und zur Macht aus Stiftungsrat und vom OB. mehr

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Die unfähigkeit der Stadtverwaltung Friedhofshafen.
Nachdem der ZF-Chef Sommer nicht gekündigt wird, sollte OB Brand wegen seinem schlechten Führungsstill noch vor Weihnachten entlassen werden !

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