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Aus für Sommer: Das könnte es für ZF bedeuten

Nach mehrmonatigem Führungsstreit legt Stefan Sommer sein Amt nieder – Automobilexperten kritisieren Eigentümer

Friedrichshafen sz Der Dank und das Lob zum Abschied klangen unterkühlt und falsch. „In seinen gut fünf Jahren an der Spitze des ZF-Konzerns hat Stefan Sommer das Unternehmen tatkräftig weiterentwickelt“, erklärte Franz-Josef Paefgen, den der Aufsichtsrat des Autozulieferers am Montag zum Nachfolger des in der Vorwoche zurückgetretenen Vorsitzenden Giorgio Behr gewählt hatte. Erster Auftrag des neuen Chefkontrolleurs: Vorstandschef Stefan Sommer zum Rückzug von seinem Posten zu bewegen.

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Erfolg hatte Paefgen dann am frühen Donnerstagabend. Bis zuletzt im Büro, unterschrieb Sommer den Auflösungsvertrag, der die gut fünf Jahre währende Zeit des 54-jährigen Ingenieurs als ZF-Chef beendete. Der Rückzug Sommers ist ein Desaster für den Konzern.

Gescheitert an Unstimmigkeiten mit den Eigentümern, die die auf Expansion und die Herausforderungen der Autobranche ausgerichtete Strategie in der Konsequenz Sommers nicht mitgehen wollten. Gescheitert aber auch daran, dass der ZF-Chef es versäumte, die Eigentümer – allen voran den Friedrichshafener Gemeinderat und den Oberbürgermeister Andreas Brand, die hinter der Zeppelin-Stiftung als Haupteigentümer von ZF stehen – bei der Neuausrichtung der früheren Zahnradfabrik mitzunehmen.

Ex-ZF-Chef Sommer äußert sich zu seinem Abschied

Auslöser für den Machtkampf: Der Wabco-Deal

 Auslöser für den Machtkampf, der ZF in den vergangenen Monaten fast vollständig lähmte, war dann die von Sommer geplante Übernahme des belgisch-amerikanischen Bremsenherstellers Wabco, die der Aufsichtsrat unter anderem mit den Stimmen der Arbeitnehmer und der Vertreter der Eigentümer zweimal blockierte. Danach war klar, die Oppostion gegen Sommer war zu groß. Aus Sicht Sommers fehlte ihm, die „Freiheit zu tun, was notwendig ist“, wie er im Interview mit der „Schwäbischen Zeitung“ erklärte.

Vom Oberbürgermeister gab es am Donnerstag denn auch kein Wort des Danks: „Sowohl der Zeppelin-Stiftung wie auch der Ulderup-Stiftung ist es wichtig, dass sich die ZF Friedrichshafen AG wieder so schnell wie möglich auf die Herausforderungen der Zukunft konzentrieren kann“, sagte Brand lediglich.

Automobilexperten sehen die Demission Sommers kritisch. Für ZF sei die Entwicklung bedenklich, erklärte Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. „Was Oberbürgermeister Brand macht, ist mehr als laienhaft, er wird dem Unternehmen Schaden zufügen“, sagte Dudenhöfer der „Schwäbischen Zeitung“.

Schwierige Bedingungen für Nachfolger

Unter diesen Bedingungen werde es für einen Nachfolger von Stefan Sommer sehr schwer, den richtigen Kurs seines Vorgängers fortzuführen. Sollte der neue Chef von ZF dagegen die Strategie grundsätzlich ändern, würde das nach Ansicht Dudenhöffers vor allem die Konkurrenten sprich Continental und Bosch stärken. „Langfristig wäre ZF damit unrentabel und international rückwärtsgewandt.“ Zudem verliere das Unternehmen nun Zeit: Die Entlassung Sommers bedeutet ein halbes Jahr Stillstand – so lange dauert es nach Meinung Dudenhöffers mindestens, bis sich ein neuer Chef eingearbeitet hat.

Auch Willi Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen hält die Entlassung Sommers „für falsch“. Der Westfale habe bei der früheren Zahnradfabrik viele Dinge auf den Weg gebracht – es wäre wichtig gewesen, diese nun auch zu einem positiven Ende zu bringen.

Entscheidend sei nun, dass das Vakuum schnell gefüllt werde, sagt Diez. „Wenn man ablöst, dann muss man den Nachfolger haben“, erklärt der Autoexperte der „Schwäbischen Zeitung“. Diez geht von einer externen Lösung aus, da es intern keine geeigneten Kandidaten gebe. „Eine Hängepartie wäre für ZF und die Mitarbeiter das Schlechteste.“

ZF-Finanzchef Konstantin Sauer wird das Unternehnmen führen, bis Paefgen und Brand einen Nachfolger für Sommer gefunden haben. Für den Vorsitzenden des Aufsichtsrats und den Chef der Zepelin-Stiftung stehen arbeitssame Monate ins Haus.

Die Ära Sommer

Aufstieg in die erste Liga

Mit der Übernahme des nahezu gleichgroßen US-Konzerns TRW im Jahr 2015 gelingt ZF-Chef Stefan Sommer sein größter Coup: Für 12,4 Milliarden Euro kauft er Expertise im Bereich Digitales, Radar und Kamera, Sicherheitstechnik und Bremsen zu, was optimal in die Konzernstrategie ZF 2025 passt. Die größte Übernahme in der Geschichte des Konzerns katapultiert ZF hinter Conti und Bosch auf Rang drei der umsatzstärksten Automobilzulieferer weltweit.

Wettbieten um Haldex

Um Lücken im Produktportfolio für Nutzfahrzeuge zu schließen, lässt sich Sommer Mitte 2016 auf einen Bieterwettstreit mit Knorr-Bremse um den schwedischen Bremsenspezialisten Haldex ein. Bei umgerechnet 580 Millionen Euro steigt ZF aus dem Poker aus und überlässt dem Münchener Wettbewerber das Feld, der jedoch, wie von ZF prophezeit, Probleme mit Kartellbehörden bekommt, was den Deal letztlich scheitern lässt.

Start-ups im Visier

Um sich Zugang zu zukunftsfähigen und wettbewerbsrelevanten Technologien zu sichern, gründet ZF im vergangenen Jahr die Tochterfirma Zukunft Ventures. Die soll sich an Start-ups beteiligen und ZF helfen, technologische Lücken zu schließen und schnell neue Geschäftsfelder zu erschließen. Im Blick hat Sommer vor allem Start-ups im Bereich des autonomen Fahrens.

Neues Gravitationszentrum

Einen „Marktplatz der besten Ideen“, nannte es Sommer. Ein „Ort der Offenheit“ und ein „klares Bekenntnis zum Standort Friedrichshafen“ war es für Brand: die neue Unternehmenszentrale, das Ende November 2016 eingeweihte ZF-Forum. Das markante Gebäude, in das rund 90 Millionen Euro investiert wurden, bietet rund 700 Mitarbeitern hochmoderne Arbeitsplätze.

Software aus Indien

Im März 2017 eröffnet ZF im indischen Hyderabad das India Technology Center. Dort sollen zukunftsweisende Elektronik- und Softwarelösungen für automobile und industrielle Anwendungen entwickelt werden. Damit will Sommer das globale Forschungs- und Entwicklungsnetzwerk von ZF stärken und gleichzeitig die lokale Produktentwicklung in Indien ausbauen. Bis zum Jahr 2020 sollen 2500 Ingenieure in dem Technologiezentrum arbeiten.

Stolperstein Wabco

Es ist der Stolperstein, der Sommer den Job kostet: Nach der gescheiterten Haldex-Übernahme nimmt der ZF-Chef Gespräche mit dem belgischen Bremsen- und Fahrtechnikhersteller Wabco auf. Sechs Milliarden Euro stehen im Raum. Für den ZF-Eigner, die städtische Zeppelin-Stiftung, ein zu großes Wagnis. Zum endgültigen Zerwürfnis kommt es, als Sommer trotz fehlender Rückendeckung des Aufsichtsrats einen erneuten Anlauf zum Wabco-Kauf unternimmt und nach erlittener Abstimmungsniederlage öffentlich die ZF-Eigentümer mit deutlichen Worten kritisiert. (ank, mh, thb)

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Noch vor Weihnachten wäre eine gute Nachricht zum Jahresende......

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und bitte schnell....

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Rücktritt jetzt, Herr Brand.

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BMW = Brand Muss Weg

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Brand sind halt alle Mittel recht. Auch der Tabubruch, sich als Vertreter des Eigentümers mit der Arbeitnehmerseite gegen die Interessen des Unternehmens zu verbrüdern. vermutlich wird er jetzt auch noch dafür sorgen, dass zur Belohnung für seine zahlreichen Auftritte auf Betriebsversammlungen, die Ermittlungen gegen Dietrich bei der Staatsanwaltschaft RV eingestellt werden. mehr

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Die letzte Betriebsversammlung wird Dietrich und die IG Metall viele Stimmen kosten. Der unerträgliche Auftritt von Herrn Savarino, die für alle Anwesende peinliche Inszenierung einer Verbrüderung zwischen Herrn Brand, dem Betriebsrat und der IG Metall, haben im Angestelltenbereich nur peinliche Stille ausgelöst. Fremdschämen war noch eines der freundlicheren Worte. Wie soll ein Vorstandsvorsitzender künftig gegen 10 Arbeitnehmervertreter und mindestens 2 Kapitalvertreter sinnvolle industrielle Lösungen durchsetzen? mehr

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Zu 13: Stimme Ihnen völlig zu. Wer auf der letzten Betriebsversammlung war, hat dieses unwürdige Schauspiel gesehen und sich geschämt.Dietrich, die IG Metall und Brand müssen gemeinsam Leichen im Keller haben. Vielleicht setzt man sich auch gegenseitig unter Druck: Hilft Ihr mir die Übernahme von Wabco zu verhindern, helfe ich Euch Sommer abzusägen. vermutlich wird jetzt auch auf Intervention von Brand & Co das Ermittlungsverfahren gegen Dietrich eingestellt. mehr

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"Ende September 2016 beschlossene Betriebsvereinbarung zur Zukunftssicherung bedeutet für die ZFler Einbußen: Sie verzichten auf die zum 1. April anstehende Tariferhöhung um 2 Prozent, die mit dem übertariflichen Leistungsentgelt verrechnet wird."Das bringt doch Geld in die Verteilungskasse des Bürgermeisters. Also Leute ihr müsset nicht für die ZF und eure Zukunft schaffen sondern zum Wohle des Ansehens eures Bürgermeisters. mehr

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OB Brand ist Dietrich und der IGM verpflichtet, haben sie doch gut Wahlkampf für ihn betrieben. Dietrich wollte Dr. Sommer schon vor Jahren loswerden und hat fleißig daran gearbeitet. Ein Vorstandsvorsitzender der nicht auf den Herrn Gesamtbetriebsratsvorsitzenden hört muss weg. Aber wie beschränkt dieses Denken ist, wird man erst sehen wenn in FN die Arbeitsplätze massenhaft wegfallen. mehr

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„In seinen gut fünf Jahren an der Spitze des ZF-Konzerns hat Stefan Sommer das Unternehmen tatkräftig weiterentwickelt“, erklärte Franz-Josef Paefgen. Bislang wurde noch von niemand erwähnt, dass Herr Sommer eine entsprechende Abfindung erhalten wird. Oder hat er keinen Anspruch darauf? mehr

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