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Zahl der HIV-Tests nimmt stark zu

Immer mehr Menschen lassen sich im Ravensburger Gesundheitsamt zu sexuell übertragbaren Infektionen beraten

Der HIV-Schnelltest: Nach der Blutabnahme dauert es nur 20 Minuten, bis das Resultat da ist. Deshalb kommen auch viele Klienten aus dem Bodenseeraum nach Ravensburg, wo vergleichbare Tests nicht angeboten werden.
Der HIV-Schnelltest: Nach der Blutabnahme dauert es nur 20 Minuten, bis das Resultat da ist. Deshalb kommen auch viele Klienten aus dem Bodenseeraum nach Ravensburg, wo vergleichbare Tests nicht angeboten werden.
Michael Scheyer

Ravensburg sz Eine HIV-Infektion bedeutet in der westlichen Welt längst kein Todesurteil mehr. Mündete die Virus-Erkrankung vor 30 Jahren noch sicher in der tödlichen Immunschwächekrankheit Aids, sind die Medikamente heute so gut, dass ein normales Arbeits- und Liebesleben möglich ist. Voraussetzung ist aber, dass man die Infektion rechtzeitig erkennt. Je früher, desto besser. Im Gesundheitsamt des Landkreises Ravensburg steigt die Zahl der Tests entgegen dem Landestrend stark an.

Hauptgrund ist wahrscheinlich ein HIV-Schnelltest, bei dem man schon nach 20 Minuten das Ergebnis erfährt und den andere Landkreise teilweise (noch) nicht anbieten. Außerdem legt der zuständige Arzt Michael Maucher großen Wert auf eine ausführliche Beratung, wie er sagt, die auch Tests anderer sexuell übertragbarer Infektionen, die weit häufiger vorkommen als HIV, mit einschließt.

Die gute Nachricht vorweg: Die Wahrscheinlichkeit, sich im Kreis Ravensburg selbst bei ungeschütztem Sex mit HIV zu infizieren, ist sehr gering. Maucher stellt pro Jahr null bis drei Neudiagnosen bei seinen Tests – bundesweit sind es etwa 3400 pro Jahr. Man geht davon aus, dass 80000 Deutsche das HI-Virus in sich tragen und davon bis zu 15000 nichts davon wissen und folglich nicht in Therapie sind. „Es geht darum, diese Menschen zu finden“, sagt Maucher, der seit 14 Jahren für das Thema im Gesundheitsamt Ravensburg zuständig ist. Er schätzt, dass im Kreis höchstens 400 bis 500 HIV-Infizierte leben – bei 280000 Einwohnern.

In Mauchers Sprechstunde kommen deutlich mehr Männer als Frauen, in den vergangenen Jahren auch zunehmend homosexuelle und bisexuelle Männer. „Das freut mich besonders, denn sie sind auch besonders gefährdet.“ Nicht etwa wegen härterer sexueller Praktiken, wie viele irrtümlich meinen, sondern wegen der statistischen Häufigkeitsverteilung in der Gesellschaft: Da es viel weniger Homosexuelle als Heterosexuelle gibt, ist die Auswahl potenzieller Partner für sie geringer, folglich steigt auch das Infektionsrisiko, wenn es in der Gruppe zu Krankheitsfällen kommt.

60 Prozent der Klienten im Ravensburger Gesundheitsamt entscheiden sich für den HIV-Schnelltest. Er hat den wesentlichen Vorteil, dass 20 Minuten nach der Blutabnahme das Ergebnis feststeht und die Betroffenen nicht eine Woche auf das Ergebnis warten müssen und vielleicht große Angst davor haben. Da die Ergebnisse grundsätzlich nicht telefonisch übermittelt werden, weil die Tests streng anonym ablaufen, erspart sich so manch einer lange Wege. „Wenn jemand zum Beispiel aus Isny kommt, muss er dann die Woche darauf nicht noch mal hierher fahren“, sagt Maucher. Es gibt aber auch zwei Nachteile: Anders als der herkömmliche Test kostet der HIV-Schnelltest zehn Euro, und er schlägt erst drei Monate nach der Risiko-Situation an, nicht bereits sechs Wochen danach.

Im Ravensburger Gesundheitsamt lassen sich mehr Menschen wegen sexuell übertragbarer Infektionen beraten und testen als je zuvor. 2016 waren es 401 Männer und Frauen, im Vorjahr 344. „Das mit dem Schnelltest spricht sich rum, es kommen auch Menschen aus anderen Landkreisen“, erklärt Maucher das große Interesse und vereinzelte Wartezeiten, vor allem um den Welt-Aids-Tag am 1. Dezember herum, wenn die Aufmerksamkeit für das Thema steigt, oder im August/September zur Haupturlaubszeit. Im Bodenseekreis gibt es kein vergleichbares Angebot, der Kreis Sigmaringen führe den Schnelltest aber demnächst ein.

Maucher beschränkt sich bei seiner Beratung nicht auf HIV. Andere sexuell übertragbare Infektionen seien viel verbreiteter. Zum Beispiel Chlamydien. Acht Prozent der getesteten Frauen seien betroffen und vier Prozent der Männer. Die Bakterienart kann Unfruchtbarkeit und Unterleibsentzündungen hervorrufen, ist aber durch Antibiotika heilbar. Maucher testet auch auf Syphilis, das in jüngster Zeit wieder vereinzelt vorkommt, und auf Tripper. Er klärt außerdem über Human-Papillomaviren auf, die Feigwarzen hervorrufen können, Gebärmutterhalskrebs und Krebsvorstufen. Mit diesen Viren kommt fast jeder sexuell aktive Mensch irgendwann in Berührung: Experten sprechen von 80 bis 85 Prozent. Bei Feigwarzen ist die Tendenz steigend, weil durch Intimrasuren kleine Wunden entstehen, durch die die Krankheitserreger selbst bei Verwendung von Kondomen leichter übertragen werden.

Trotzdem bieten Kondome immer noch den besten (aber nicht hundertprozentigen) Schutz vor sexuellen Krankheiten aller Art. Gegen HIV können seit einigen Jahren auch sogenannte PEPS und PREPS eingenommen werden. Das sind sehr teure HIV-Medikamente, die Monatspackung liegt bei 800 Euro. PEP steht für Post-Expositions-Prophylaxe und kann – ähnlich wie die Pille danach zur Schwangerschaftsverhütung – in speziellen Einzelfällen im Krankenhaus kurz nach dem ungeschützten Sex verordnet werden. PREPS sind vor allem in Großstädten wie New York zur Prophylaxe drei Tage vor bis vier Tage nach dem ungeschützten Sex verbreitet. „Moralische Argumente mögen vielleicht dagegen sprechen, aber das ist allemal besser, als eine Infektion zu riskieren“, meint der HIV-Experte gelassen. „Und wenn ich nach Indonesien fahre, mache ich ja auch eine Malaria-Prophylaxe, ohne groß darüber nachzudenken.“

Die Beratungsstelle für sexuelle Gesundheit/HIV-Beratung ist im Gesundheitsamt des Landratsamtes an der Gartenstraße 107. Sprechzeiten: donnerstags zwischen 15 und 17.30 Uhr oder nach Vereinbarung unter Telefon 0751/855370. Die Beratung und die Tests sind anonym und kostenlos, nur der HIV-Schnelltest kostet zehn Euro.

Schauen Sie sich an, wie Michael Maucher den HIV-Schnelltest erklärt. Den Filmbeitrag finden Sie unter:

www./schwaebische.de/hivtest

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