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Wie jung doch Barockmusik sein kann

Glänzendes Konzert des Südwestdeutschen Kammerorchesters Pforzheim im Salemer Kaisersaal
Barockkonzert auf Schloss Salem: Mit virtuoser Dynamik und betörend lyrischem Spiel begeistert die russische Geigerin Maria Solozobova unter der Leitung von Timo Handschuh.
Barockkonzert auf Schloss Salem: Mit virtuoser Dynamik und betörend lyrischem Spiel begeistert die russische Geigerin Maria Solozobova unter der Leitung von Timo Handschuh.
Christel Voith

Salem sz Beifallsstürme hat der ehrwürdige Kaisersaal am Sonntagabend beim Konzert des Südwestdeutschen Kammerorchesters Pforzheim mit „Perlen der europäischen Barockmusik“ erlebt. Wer je eine Scheu vor allzu strenger, majestätischer Barockmusik hatte, der wurde hier eines Besseren belehrt, so jung, frisch und dynamisch kam sie unter dem sensiblen Dirigat des künstlerischen Leiters Timo Handschuh daher.

Schwerblütig setzte Henry Purcells Chaconne g-Moll ein, ehe ein Schwingen das Orchester erfasste. Leicht und elegant wurde sie, als lade sie zu höfischem Tanz. Mit energischem Strich erlangte das Stück Biss und entfernte sich ganz langsam wieder in eine unbestimmte Ferne. Dynamisch stürzten sich alsdann Orchester und die russische Geigerin Maria Solozobova in Johann Sebastian Bachs Violinkonzert a-Moll BWV 1041, der Pferdeschwanz der Solistin flog. Auffordernd blickte Handschuh zu ihr rüber, forderte sie zu rasantem Spiel heraus, eine Aufforderung, der sie mit sichtlichem Vergnügen nachkam. Ganz anders dann das bedächtig im Orchester einsetzende Andante. Mit wunderbar süßem Ton schmiegte sich die Geigerin hinein, lauschte dem sanft wogenden Orchester und setzte erneut zu beglückendem Gesang an, für den Handschuh die Musiker ganz piano den Grund legen ließ. Und wieder flog der Pferdeschwanz der Solistin, so entfesselt waren die Kräfte im Allegro assai. Ein aberwitziges Tempo gab die Geige vor und stürmisch folgte das Tutti.

Ein lebhafter Dialog

Majestätisch schloss sich Georg Friedrich Händels Concerto grosso B-Dur op. 6 Nr. 7 an. Ein lebhafter Dialog von hellen und tiefen Streichern baute sich auf – das war wahrlich keine „alte“, sondern hinreißend jugendliche Musik. Mit eleganten, zurückhaltenden Gesten, aber bestimmtem Gestaltungswillen führte Handschuh seine Musiker, die nach ruhigem Musizieren wieder einen mitreißenden Sturm entfachten. In fortwährendem Fluss zog das Concerto vorüber, dass der Applaus nur zögernd einsetzte: Waren das wirklich schon fünf Sätze gewesen?

Nach der Pause folgte Bachs Violinkonzert E-Dur BWV 1042, das erneut ansteckende Dynamik mit schwebenden Passagen verband. Eine ungeheure Spannung entstand im differenzierten Spiel von Spannung und Entspannung, mittendrin eine Insel für ein betörendes Geigensolo. Bittersüß klang das Adagio, während der Schlusssatz den Zuhörer hineinnahm in einen großen Klangfluss, der in seiner Wildheit bis an die Schmerzgrenze ging. Berauschend war die Zugabe mit Vivaldis „Sommer“ aus den „Vier Jahreszeiten“. Passend zum vorhergehenden Spiel von Spannung und Entspannung schloss sich zuletzt Vivaldis kurze Sinfonia Nr. 2 G-Dur RV 146 an. Noch einmal ließen die Musiker Sturmgebraus und melodische Inseln hören. An ein Andante schloss sich ein letzter stürmischer Gruß aus dem Barock, das in diesem Konzert seine volle Sinnenfreude entfaltet hatte.

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