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Wie Helmut Kohl einmal Mini-LA besuchte

Zeitzeugen erinnern sich an den „Kanzler der Einheit“ und an „hemdsärmelige Machtpolitik“

Friedrichshafen sz Der am Freitag verstorbene Helmut Kohl gilt als der „Kanzler der Einheit“ und hat maßgeblich an der Europäischen Einigung mitgewirkt. Auch in Friedrichshafen und im Bodenseekreis hat er seine Spuren hinterlassen. Erinnerungen haben die Menschen vielfältige. Stichworte wie „Spendenaffäre“ und „hemdsärmelige Machtpolitik“ werden jedoch weitgehend von seinen weltpolitischen Errungenschaften überdeckt.

Persönlich hinterließ Helmut Kohl 1993 seine Spuren in Langenargen, wo er sich zusammen mit dem damaligen französischen Ministerpräsidenten Francois Mitterand ins Goldene Buch Kinderstadt bei der Ferienaktion Mini-LA eintrug.

1990 besuchte Kohl den Bodensee zum 26. Deutschen Feuerwehrtag in Friedrichshafen. In acht Messehallen mit einer Ausstellungsfläche von 38 000 Quadratmetern und auf dem Freigelände mit nochmals 18 000 Quadratmetern stellten damals 250 Firmen aus fünf Ländern bei einer begleitenden Fachmesse aus. Die Messeleitung ist damals von etwa 100 000 Besuchern ausgegangen.

„Als Schirmherr konnte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker gewonnen werden. Als Festredner konnten gewonnen werden: Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der frühere Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sowie der ehemalige Ministerpräsident de Landes Baden-Württemberg, Lothar Späht“, schreibt die Feuerwehr in ihrer Chronik. 40 000 Feuerwehrleute von Flensburg bis Garmisch zogen beim Umzug als Marschblock mit einer Länge von sechs Kilometern mit 50 Spritzen und Feuerwehrfahrzeugen aus drei Jahrhunderten, 723 Fahnen und 81 Jugendfeuerwehrwimpeln, 79 Musikkapellen und Spielmannszügen durch die Stadt. Aufgrund dieser Zahlen könne man nur erahnen, welche Dimension diese Massenveranstaltung hatte.

Ulrich Müller, von 1992 bis 2016 Mitglied des Landtages Baden-Württemberg und von 1996 bis 2004 Staatssekretär und Minister der Landesregierung, zeigt Stolz, wenn er an Kohl denkt. Persönlich ist er ihm nie begegnet, er würde sich nur wünschen, dass Kohl all das, was dieser Tage über ihn geschrieben und gesprochen werde, zu Lebzeiten mitbekommen hätte. Während seiner aktiven Zeit als Kanzler sei ihm viel Kritik entgegengeschlagen. „Linksintellektuelle Kreise haben nie einen Hehl daraus gemacht, was sie von ihm hielten. Jetzt aber überschlagen sich alle mit Lob und Anerkennung“, sagt Müller und bescheinigt dem verstorbenen Kohl, Weltgeschichte geschrieben zu haben. Er habe an der deutschen Einheit festgehalten und in diesem Zusammenhang Großes geleistet. Wenn man alleine an die Organisation des Russenabzugs aus der ehemaligen DDR denke, dann sei das eine große Leistung. Kohl habe auch die Ängste der anderen Europäer gegenüber Deutschland abgebaut und Europa geeint. Und er habe in den 80er Jahren die Staatsverschuldung abgebaut, das mache ihn stolz, sagt Ulrich Müller.

Auch Manuel Plösser, CDU-Stadtverbandsvorsitzender, kennt Helmut Kohl nur aus dem Fernsehen. Als „überzeugter Europäer“, so Plösser habe er Hochachtung vor dem Altkanzler. Die CDU verliere ein „absolutes Zugpferd, das vor Ort die Leute begeistern konnte“. Kohl habe Ideen zu einer Zeit gehabt, zu der niemand daran geglaubt habe. Das Europa aber, das Helmut Kohl vorgeschwebt sei, sei noch nicht erreicht. „Dafür muss sich jeder von uns ändern. Jeder muss für Europa etwas tun, denn dieses Europa beginnt vor der eigenen Haustüre und nicht erst in Brüssel“, sagt Manuel Plösser.

Gemischt mit kritischen Anmerkungen erinnert sich Landrat Lothar Wölfle an Helmut Kohl. Wölfle, der 1974 in die Junge Union eintrat, erlebte Helmut Kohl Anfang der 80er Jahre bei einem Wahlkampfauftritt in Villingen. Er erinnert sich an ihn als neue Hoffnungsfigur nach dem gescheiterten Misstrauensvotum von Rainer Barzel gegen Willy Brandt im Jahr 1972. Der junge Helmut Kohl sollte Barzel ablösen, der sich von dieser Niederlage nie wieder erholt hat. Umso größer sei die Freude der CDU gewesen, als Kohl seinerseits das Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt siegreich überstand und neuer Kanzler wurde. Wölfle erinnert sich aber auch an die parteiinternen Machtkämpfe, an die „hemdärmelige Machtpolitik Kohls und an den denkwürdigen Landes-Parteitag der Jungen Union, als die JU in Meersburg die Absetzung Kohls als Parteivorsitzenden forderte“. Damals sei Wolfgang Schäuble geschickt worden, damit der verhindere, dass es zu diesem Beschluss komme. „Nicht alle waren mit Kohl zufrieden. 1989 aber war alle Kritik vergessen“, sagt Wölfle. Kanzler der Einheit und der europäischen Einigung, das sei ein Attribut, das er verdient habe – auch wenn die nächste Erinnerung Lothar Wölfles in die Zeit zurückreicht, in der er als frischgebackener Kreisvorsitzender der CDU nach der Spendenaffäre die Hand bei den Mitgliedern habe aufhalten müssen. Damals habe jedes Mitglied einen Obulus Solidaritätsbeitrag pro Jahr zahlen müssen, weil Kohl die Namen der Spender nicht genannt habe.

Auch Oberbürgermeister Andreas Brand zollt dem Staatsmann Respekt: „Mit Helmut Kohl ist ein großer Politiker und international anerkannter Staatsmann von uns gegangen, von vielen verkannt und belächelt. Unumstritten und prägend für unsere Geschichte wird sein: Helmut Kohls Verdienste für ein geeintes Deutschland und für ein starkes, vor allem für ein friedliches Europa sind enorm.“

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