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Wenn der letzte Bus um halb neun fährt

Taldorfer klagen über Lücken im öffentlichen Personennahverkehr
Der letzte Bus fährt um halb neun
Der letzte Bus fährt um halb neun
Archiv: Felix Kästle

Ravensburg sz Leben auf dem Land hat viele Vorteile: saubere Luft, üppige Natur, Ruhe. Die Nachteile liegen aber auch auf der Hand. Denn auf den Dörfern gibt es meist kaum noch Geschäfte, Schulen oder Ärzte. Die Bewohner in den Ravensburger Ortschaften müssen also mobil sein. Ohne Auto ist das nicht leicht. In Taldorf sogar nahezu unmöglich.

Manfred Büchele schwillt regelmäßig der Kamm, wenn im Gemeinderat oder einem seiner Ausschüsse ein neuer Vorschlag kommt, den er als autofeindlich einstuft. Die nächtliche Sperrung der Innenstadt für den Verkehr oder fürs Parken, die Bewirtschaftung noch kostenfreier Parkplätze auf der Kuppelnau, die dauerhafte Schließung der Marienplatzgarage für alle Zeiten oder ähnliche Ideen, die in Zeiten von Luftreinhalteplänen diskutiert werden. Der CDU-Stadtrat wohnt und arbeitet in Bavendorf, das zur Ortschaft Taldorf gehört. „Ich würde ja gerne mit dem Bus in die Innenstadt fahren. Aber der letzte fährt um halb neun zurück.“

Aufs Auto angewiesen

Für den Besuch eines Theaterstücks, Konzerts oder selbst der Gemeinderatssitzung ist das viel zu früh. Eine Teilhabe der Menschen aus Taldorf am öffentlichen und kulturellen Leben der Stadt ist laut Büchele also unmöglich, wenn sie kein Auto haben. „Sie sind aufs Auto angewiesen. Dabei stehen Sie zu bestimmten Uhrzeiten in einem Riesenstau und fragen sich: Warum tun sich die Menschen das an? Die Antwort ist: Sie können nicht anders.“

Im Gegensatz zu den Ortschaften Eschach und Schmalegg sowie Oberzell, die über gute und regelmäßige Busverbindungen verfügen, ist Taldorf nicht ans eigentliche Stadtbus-System angebunden. Das liegt daran, dass dort die RAB die Konzessionsrechte besitzt. Sie betreibt die Überland-Linien 7373 von Konstanz über Meersburg und Markdorf nach Ravensburg und 7537 von Meersburg über Markdorf und Oberteuringen nach Ravensburg. „Sie richten sich natürlich nicht nach den Bedürfnissen der Ravensburger Ortschaften, sondern am überörtlichen Verkehr aus“, klagt Büchele.

Die 7373 fährt montags bis freitags im Drei-Stunden-Takt, samstags im Vier-Stunden-Takt (nur dreimal) und sonntags gar nicht, die 7537 von Montag bis Freitag morgens und mittags im Schülerverkehr recht häufig und außerhalb dieser Zeiten im Stundentakt, aber eben nur bis 20.30 Uhr. Sonntags verkehrt dieser Bus fünfmal im Zwei-Stundentakt zwischen Ravensburg und Dürnast, allerdings nur bis halb sieben abends. Für einen Kinobesuch reicht das beispielsweise nicht.

Die Stadt Ravensburg hofft jedoch, dass sich die Situation für die Taldorfer bessern könnte. Der Bodenseekreis überlegt, sich mit der Linie 7373 für das Förderprogramm „Regiobuslinien“ des Landes Baden-Württemberg zu bewerben. Ziel des Förderprogramms ist laut Baubürgermeister Dirk Bastin ein landesweit flächendeckendes Nahverkehrsangebot im Stundentakt (auch am Wochenende). Betriebszeiten der Regiobuslinien wären von 6 bis 23 Uhr, also deutlich länger als jetzt.

Zwar hat der Bodenseekreis noch keinen Förderantrag gestellt, und es gebe auch noch keine Gremienentscheidung, äußert sich Pressesprecher Robert Schwarz auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“. In der Verwaltung werde an dem Thema aber gearbeitet. „Aktuell geht es darum zu sondieren, ob ein kommunaler Verbund der betreffenden Gebietskörperschaften denkbar ist, um gemeinsam solch einen Antrag zu stellen. Wie gesagt, es gibt hier auch noch keine politische Entscheidung, grundsätzlich stehen wir der Idee aber positiv gegenüber.“

Zuschussbedarf zu hoch

Eine finanzielle Beteiligung des Landkreises Ravensburg wird es jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht geben, weil der hiesige Kreistag ein ähnliches Ansinnen für die Linie Ravensburg-Wangen-Leutkirch bereits abgelehnt hat. Der Zuschussbedarf von einer halben Million Euro jährlich war den Kommunalpolitikern zu hoch, denn das Land übernimmt lediglich 50 Prozent des entstehenden Betriebskostendefizites. Und auch das nur für begrenzte Zeit, danach müsste der Kreis entweder den vollen Verlust tragen oder aber das Angebot wieder zurückfahren. Der städtische Baubürgermeister Dirk Bastin könnte sich hingegen vorstellen, dass die Stadt Ravensburg eventuell mit Markdorf und Meersburg und dem Bodenseekreis eine Art kommunales Konsortium bildet, um für die Linie 7373 den Förderantrag beim Land zu stellen.

Eine andere Lösung wäre eine Art Ergänzung der bestehenden Überlandlinien durch den Stadtbus Ravensburg-Weingarten. Dass die Technischen Werke Schussental (TWS) mit ihrem Stadtbus zusätzliche Angebote in Taldorf machen, ist jedoch unwahrscheinlich. Da die lukrativen (Schüler-)Verkehre bereits von der RAB bedient werden, blieben für die TWS nur die verlustreichen Zeiten am Abend, abgesehen vom Konzessionsproblem. „Die RAB hat ja mal versucht, abends Angebote zu machen“, sagt TWS-Geschäftsführer Andreas Thiel-Böhm, „aber die Busse fuhren immer leer.“

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Kommentare (7)
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@6) wenn dem so ist, warum hat man in RV sich dort nicht um Vorschläge für den neuen Luftreinhalteplan erkundigt? Vielleicht, weil man alle Schwierigkeiten in die Zukunft schieben will, damit man jetzt nichts unangenehmes entscheiden oder gar noch bezahlen will. mehr

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So kenn ich die Oberschwaben gar nicht .Sonst ist man doch auch nicht so " auf den Kopf gefallen " .
Eigentlich verdurstet die ganze Bodenseeregion verkehrstechnisch vor dem offen plätschernden Brunnen , der da heißt ZF .

die ZF in Friedrichshafen bietet Verkehrslösungen für übermorgen an . mehr

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Bemerkenswert: die Tiefgarage in RV wird für 14 Mio (vermutlich noch mehr) saniert, aber der Metrobus ist zu teuer. Mit dem Geld könnte der fast 30 Jahre betrieben werden..... Man erkennt die wahren Prioritäten mehr

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bei den einen werden Wünsche an die Stadt zum "allgemein Wohl" gezählt, bei den anderen werden Notwendigkeiten als "Einzelinteresse" propagiert. Das ist die Rangfolge für die politischen Entscheidungen in RV. mehr

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"Teilorte" = "Teilhabe" !!

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Ich kann Dr. Manfred Büchele gut verstehen, wenn er angesichts der Ravensburger Verkehrssituation- und Diskussion und den darin enthaltenen eklatanten Widersprüchen zum Kampfhahn wird. Und das, obwohl ich, im Gegensatz zu dem CDU-Stadtrat, persönlich für die endgültige Schließung der Marienplatztiefgarage (MTG) und eine verkehrsberuhigte Innenstadt plädiere und kämpfe. Wie nun? Gemach, gemach. Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass Teilorte einer Stadt grundsätzlich keine Enklaven oder Ghettos sind. Im Schussental scheint dies aber so zu sein – zumindest ab halb neun Uhr abends, wo ein Großteil der Bürger/innen vom kulturellen und öffentlichen Leben der Stadt abgeschnitten sind. Da bekommt der Begriff „unechte“ Teilorte immerhin seine wahre Bedeutung. Aber im Ernst: Das kann und darf nicht sein. Auch mir schwillt regelmäßig (nicht nur) der rote Kamm. Und zwar dann, wenn es ums Geld (hier: Ausweitung des ÖPNV) und das widersprüchliche, unverantwortliche Festhalten der Ravensburger Stadtverwaltung an eigentlich kontraindizierten (nicht anwendbaren) Maßnahmen geht. Und dazu gehört vor allem und an erster Stelle die kostenaufwändige Sanierung der (asbestverseuchten) Marienplatztiefgarage. Jeder Leserbrief, jeder Artikel und auch die kursierenden Petitionen pro Schließung der MTG weisen darauf hin, dass die mittlerweile 13,5 Millionen veranschlagten Euro für die Sanierung der MTG besser für die Ausweitung und Optimierung des öffentlichen Nahverkehrs angelegt wären. Wären sie auch, und Stadtrat Büchele und die Theaterbesucher könnten um 22:30 oder gar 23:30 Uhr mit dem Bus in ihre echten Teilorte fahren. Aber wie sagt doch der TWS-Chef: „Das sind verlustreiche Zeiten.“
Für die Taldorfer auf jeden Fall.

Stefan Weinert, Ravensburg im echten Teilort Nordstadt mehr

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Sog gut wie ich den oder die Betroffenen verstehe, ergibt sich für mich eben ein ganz anderes Bild. Als Bewohner der Kernstadt ( Wohngebiet über Hauptfriedhof) haben wir wahrscheinlich keine gute Luft, der morgendliche Run auf die kostenlosen Parkplätze im Wohngebiet und an der Friedhofsmauer ist auch wenig ruhig. Ich habe oft Probleme die Friedhofsstrasse runterzukommen, weil sich dort der Pendlerverkehr auch an die Schulen ballt. Öffentlichen Nahverkehr gibt es gar keinen.
Für mich hängt die Nutzung des ÖPNV eng mit den Bedingungen des Autoverkehrs zusammen. Warum soll ein ÖPNV genutzt werden, solange man noch überall mit dem PKW vorfahren kann, die Parkmöglichkeiten umsonst sind und sogar die zahlenden Gäste der Parkhäuser deutlich billiger wegkommen als der Busfahrer. Der Mensch trifft doch Entscheidungen aufgrund der Angebote. mehr

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